Wohnen ist in Hamburg ein massiver Treiber für Armut. In keinem Bundesland klaffen die herkömmliche Armutsquote und die reale Armut nach Abzug der Wohnkosten so weit auseinander wie hier. Während Hamburg bei der konventionellen Armutsstatistik im Mittelfeld der Bundesländer liegt, katapultieren die hohen Mieten die Stadt auf den dritten Platz bei der sogenannten Wohnarmut. Im Bundesländervergleich hat Hamburg mit 25,9 % die dritthöchste Wohnarmutsquote, nach Bremen (33,4 %) und Sachsen-Anhalt (28,0 %), und liegt über dem Bundesdurchschnitt. Das zeigt eine neue Expertise des Paritätischen Gesamtverbandes mit Zahlen für 2024. Demnach sind in Hamburg weitere 183.000 Menschen arm, die nach der üblichen Statistik gar nicht als arm gelten würden. Die Wohnkosten werden für sie zur Armutsfalle. Deutschlandweit erhöht sich die Zahl der armen Menschen durch die Berücksichtigung von Miete und Energiekosten von 13 Millionen auf 18,4 Millionen (22,3 Prozent).
In Hamburg ist der Unterschied zwischen der herkömmlichen Armutsquote (16,0 %) und der Wohnarmutsquote (25,9 %) mit 9,9 Prozentpunkten am größten von allen Bundesländern. Konkret bedeutet das: 487.000 Hamburger*innen sind arm, wenn man ihre Wohnkosten, also Warmmiete und Strom, mitberücksichtigt – das sind 183.000 mehr als nach konventionellen Berechnungen ausgewiesen. „Die Zahlen sind ein Alarmsignal für Hamburg. Wohnen ist in unserer Stadt zur immensen Armutsfalle geworden“, sagt Kristin Alheit, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg. „Es sind längst nicht mehr nur die Ärmsten, die unter den hohen Mieten leiden. Die Wohnkostenkrise ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und drängt tausende Hamburger*innen an den Rand des Existenzminimums. Nach Abzug der Miete bleibt nicht mehr genug zum Leben übrig.“
Besonders betroffen von Wohnarmut sind ältere Menschen ab 65 Jahren (28,8 Prozent), junge Erwachsene bis 25 Jahre sowie Paare mit drei oder mehr Kindern (jeweils 31,2 Prozent) und Alleinerziehende (40 Prozent). Die wohnkostenbereinigte Armutsschwelle liegt laut der Sonderauswertung durch das Statistische Bundesamt bei 1.088 Euro für eine alleinlebende Person. Armutsbetroffene geben durchschnittlich 44 Prozent ihres Einkommens allein fürs Wohnen aus.
„Wir können nicht länger zusehen, wie der Markt versagt und die soziale Spaltung in Hamburg vertieft. Der Senat muss entschlossen handeln“, fordert Kristin Alheit. „Die Verlängerung der Mietpreisbremse war ein richtiger und wichtiger Schritt, der jedoch nicht ausreicht. Wir fordern ein massives Investitionsprogramm in den sozialen Wohnungsbau, eine Entfristung der Preisbindung im sozialen Wohnungsbau und die Einführung einer neuen Wohngemeinnützigkeit, um dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Bezahlbares Wohnen ist keine Frage des Luxus, sondern ein Menschenrecht und die Grundlage für den sozialen Frieden in unserer Stadt. Hamburg darf nicht zulassen, dass hier fast eine halbe Million Menschen de facto in Armut leben."
>>Studie "Mieten fressen Einkommen. Paritätischer Bericht zu Wohnarmut"