Paritätischer Wohlfahrtsverband Hamburg warnt: Freiwilligendienste feiern 60. Geburtstag und stehen vor Desaster

Vor genau 60 Jahren, am 29. April 1964, verabschiedete der Bundestag das Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres und gab damit den Startschuss für eine Erfolgsgeschichte. Was ein Grund zum Feiern sein könnte, ist für den Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg Anlass, auf die dramatische Situation bei den Freiwilligendiensten hinzuweisen. Die im Herbst vergangenen Jahres nach engagiertem Einsatz von Freiwilligen und ihren Einsatzstellen abgewendeten Haushaltskürzungen für 2024 drohen nun für das kommende Jahr eine schwere Lücke in die Freiwilligendienste zu schlagen.

Für 2025 sind im Bundeshaushalt für die Freiwilligendienste Mittelkürzungen von ca. 25 Prozent geplant. Von den Kürzungen wären beim Paritätischen Hamburg bis zu einem Viertel der Einsatzstellen betroffen. „Setzen sich die Planungen durch, fielen viele Kräfte weg, die etwa in Kitas, Seniorenheimen, Jugendeinrichtungen oder in der Suchthilfe im Alltag unterstützen und zusätzliche Angebote machen können, wie zum Beispiel Spaziergänge, Begleitung bei Arztbesuchen, Musik- oder Spieleangebote oder einfach nur Zuhören“, sagt Kristin Alheit, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg, der für seine gut 400 Mitgliedsorganisationen die Freiwilligen vermittelt und pädagogisch betreut. 

Darüber hinaus sind BFD und FSJ wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung der Freiwilligen und das Recruiting neuer Fachkräfte. „Der Freiwilligendienst hilft den jungen Leuten, ihre Stärken zu erkennen und auszubauen, persönlich zu reifen und sich über ihre berufliche Zukunft klar zu werden. Sehr oft gehen sie nach einem erfolgreichen FSJ oder BFD dort in die Ausbildung, wo sie zufrieden waren, oder bleiben anderweitig im sozialen Bereich aktiv“, so Alheit. „Bei dem enormen Fachkräftemangel sind Kürzungen im Freiwilligendienst daher doppelt schlimm.“

Die Kürzungen würden nicht nur bedeuten, dass Plätze verloren gehen, sondern dass auch die begleitende pädagogische Arbeit leiden wird. „Es gibt Freiwillige, die anfangs mehr Begleitung und Betreuung brauchen. Diese Starthilfe lohnt sich, weil sie hilft, die Freiwilligen vollwertig und langfristig in die Arbeitswelt zu integrieren“, so Alheit. „Die geplante Kürzung produziert nur Verlierer: Die Fachkräfte im sozialen Bereich, ihre Klient*innen und die jungen Leute selbst.“

Daher fordert der Verband zum einen, die vorgesehenen Kürzungen zurückzunehmen, und zum anderen, zügig für Planungssicherheit zu sorgen. „Die meisten Freiwilligendienste starten im Sommer und dauern 12 Monate. Es ist unhaltbar, dass die Finanzierung ab Januar 2025 für viele Plätze noch nicht gesichert ist. Sowohl die Einsatzstellen als auch die jungen Menschen brauchen Planungssicherheit.“

Bundesweit findet am 29. April ein Aktionstag unter dem Motto „#keinehalbensachen“ statt, an dem, wie schon im Herbst 2024, für eine Rücknahme der Kürzungen gekämpft wird. Im Koalitionsvertrag der Ampel steht, dass die Freiwilligendienste gestärkt werden sollen. Hinter diesem ursprünglichen Ziel steht auch der Paritätische Wohlfahrtsverband. „Wenn die Vergütung etwas erhöht würde und der Freiwilligendienst zum Beispiel durch kostenlosen ÖPVN oder Anrechnung auf Ausbildung oder Studium attraktiver gemacht würde, ließe sich problemlos die Zahl der Freiwilligen spürbar erhöhen, zum Wohle der Klient*innen, der Fachkräfte und der Freiwilligen selbst. Und damit zum Wohle unserer Gesellschaft, die soziales Engagement, Fürsorge und Füreinanderdasein gerade in diesen Zeiten so nötig hat. Diese Chance sollte nicht verpasst werden“, so Alheit.