Aktuelle Studie belegt: Kita-Politik zementiert soziale Ungleichheit – Paritätischer Hamburg fordert Maßnahmen für Hansestadt

Armutsbetroffene Kinder werden deutlich seltener und in deutlich geringerem zeitlichem Umfang in Kitas betreut. Fehlende Kindertagesbetreuung verstärkt damit die soziale Spaltung der Gesellschaft. Der PARITÄTISCHE Hamburg fordert konkrete Schritte, um Kinder aus armen Familien besser und zahlreicher von einem Kita-Besuch profitieren zu lassen.

Wer arm ist, hat deutlich schlechtere Chancen auf einen Kitaplatz, das belegt der aktuelle bundesweite Bericht des PARITÄTISCHEN Gesamtverbandes „Ungleichheit von Anfang an. Bericht zu Armut und Kita-Betreuung“. Bundesweit besuchen nur 19 Prozent der ein- bis zweijährigen Kinder aus armutsbetroffenen Familien eine Kita, während gleichaltrige Kinder aus nicht von Armut betroffenen Familien doppelt so häufig von einem Kitaplatz profitieren (41 Prozent) und täglich auch mehr Stunden in der Kita betreut werden.

In Hamburg besuchen 49,9 Prozent der Kinder im Alter von 0-3 Jahren eine Kita, bei den Drei- bis Sechsjährigen sind es 89,7 %. Dabei zeigt sich eine sehr große sozialräumliche Diskrepanz: Während zum Beispiel in Eimsbüttel 0,3 % der vier-bis fünfjährigen Kinder keine Kita besuchen und 55,0 % auf mehr als drei Jahre Kita-Besuch kommen, gehen in Billstedt/Horn 4,4 % der vier-bis fünfjährigen Kinder gar nicht in die Kita und nur 33,5 % länger als drei Jahre. Ähnlich drastisch sind die Zahlen für Wilhelmsburg: 2,9 % der Vier-bis Fünfjährigen ohne Kita-Besuch, nur 32,0 % mit mehr als drei Jahren Kita, wie Daten des IfBQ zur Viereinhalbjährigen-Vorstellung für das Schuljahr 2023/2024 zeigen.

„Kinder aus armen Familien sowie Kinder aus Familien, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, profitieren besonders von einem frühzeitigen und längeren Kita-Besuch, denn Kitas sind Bildungsorte“, so Tom Töpfer, Kita-Referent beim PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverband Hamburg, dem gut 350 Kitas angehören. „Doch der aktuelle Bericht und weitere Untersuchungen zeigen, dass diese Kinder von früh an strukturell benachteiligt werden. Sie haben seltener und kürzer an Kita teil.“
Das Hamburger Kita-Gutscheinsystem bietet jedem Kind unabhängig vom finanziellen Status der Eltern einen täglichen Kitabesuch von fünf Stunden inklusive kostenfreiem Mittagessen. Damit ermöglicht Hamburg Kindern aus armen Familien einen leichteren Zugang zur Kita als manch anderes Bundesland. „Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass es in ärmeren Stadtteilen weniger Kitas gibt und somit längst nicht alle Kinder, die eine Kita besuchen wollen, einen Kita-Platz bekommen oder die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Das Kita-Gutscheinsystem ist in die Jahre gekommen und erfüllt schon lange nicht mehr die Anforderungen, die sich aus der Entwicklung von Stadt und Bevölkerung ergeben.“ 
In einer Stadt, in der mittlerweile jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund hat, in der sich einige vor Jahrzehnten eng gebaute Mehrfamilienkomplexe mit günstigen Mieten zu sozialen Brennpunkten entwickelt haben und viele Kinder aufgrund motorischer, sprachlicher und sozialer Defizite eine intensivere Begleitung benötigen, ist die aktuelle Kita-Struktur reformbedürftig.

„Leidtragende sind die Kinder“, so Töpfer. „Sprachförderung, Förderung von sozialer Interaktion und Motorik unter pädagogischer Anleitung und in einer Gruppe Gleichaltriger sind besonders wichtig für Kinder, deren Elternhaus stark belastet ist, sei es durch finanzielle oder gesundheitliche Probleme oder durch Sprachbarrieren. Bei diesen Kindern könnte und sollte die Stadt Hamburg gezielt ansetzen, um ihnen von früh an nicht den Weg in Armut und Ausgegrenztheit zu zementieren, sondern ihnen eine echte Chance auf Aufstieg zu bieten.“

Dazu brauche es laut PARITÄTISCHEM Hamburg mehr Kitasozialarbeit, einen spürbaren Abbau von bürokratischen und sprachlichen Barrieren, kostenfreie Sechs-Stunden-Gutscheine inklusive kostenfreiem Frühstück sowie eine Stärkung der Sprachbildung von Anfang an, zum Beispiel durch eine zusätzliche Finanzierung über einen Sozialindex und die Verwendung von Bundes-Mitteln aus dem Startchancenprogramm.

Die Publikation „Ungleichheit von Anfang an. Bericht zu Armut und Kita-Betreuung“ des Paritätischen Gesamtverbandes ist Teil einer neuen Reihe von Veröffentlichungen zum Thema Armut, die jeweils verschiedene Schwerpunkte setzen. Dabei stützt sich der Bericht insbesondere auf die Mikrozensus-Unterstichprobe zu Einkommen und Lebensbedingungen vom Statistischen Bundesamt MZSILC.

Mehr Informationen und der Bericht zum Download: www.der-paritaetische.de/ungleichheit-von-anfang-an