"Es dauerte viele Jahre, all den Dreck, den man mir über mich selbst beigebracht und den ich halb geglaubt hatte, wieder herauszuwürgen, bevor ich auf der Erde gehen konnte, als ob ich ein Recht hätte, hier zu sein." James Baldwin (1924 – 1987)
Die Internationalen Wochen gegen Rassismus (IWgR) finden in diesem Jahr unter dem Motto "Menschenwürde schützen" statt. Wie passend, in einer Zeit, die für uns innenpolitisch von einem politischen Rechtsruck geprägt ist, der durch alle Parteien hindurchzieht. Wie „trendy“ in einer Zeit, in welcher wir politisch auf internationalem Parkett hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen und völkerrechtswidrigem Handeln anderer Staaten leider nicht immer eine klare Haltung zeigen. Wie betrübend zeitlos, wenn wir in die Geschichte, auf unsere kolonialen Bestrebungen und nationalsozialistische Vergangenheit zurückblicken, die von Rassismus und Diskriminierung geprägt ist.
Obwohl wir in einer globalisierten Welt leben, vor einem Fachkräftemangel und vor einer demografischen Entwicklung stehen, die klar verdeutlichen, dass Vielfalt und Zuwanderung Essenz und Notwendigkeit für die Stärkung unserer Demokratie und unseres gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Fortschritts sind, bleiben Rassismus und Diskriminierung leider relevant. Nein, nicht nur das, populistische Strömungen, Rassismus und Diskriminierungen nehmen seit Jahren wieder zu.
Wie gut also, dass wir die Internationalen Wochen gegen Rassismus haben. Das klingt ironisch. Aber es ist zweideutig. Denn natürlich ist es wichtig, dass wir diese Wochen als Plattform zur Sensibilisierung und für mehr Aufklärung nutzen können. Gleichzeitig ist es erschütternd, wie wenig wir Menschen aus unserer Geschichte lernen und in welcher Gleichgültigkeit wir gegenüber dem Leid von anderen verharren können.
Natürlich setzen sich gemeinnützige Verbände, Vereine und viele andere Organisationen und Aktivist*innen dafür ein, die Gelegenheit zu nutzen, um das Bewusstsein für Rassismus und Diskriminierung zu schärfen. Und - ja, wir nutzen diese Plattform als Aufruf zum Handeln. In Hamburg finden während dieser Wochen zahlreiche Veranstaltungen, Workshops und Diskussionsrunden statt, die sich mit den Themen Rassismus, Vorurteile und Diskriminierung auseinandersetzen. Wie super. Und mit Sicherheit schwappen diese Aktionen wie seichte Wellen durch die Gesellschaft und so manch einer wird aus seinem Alltagstrott gerissen und ist wach und mit dabei – politisch und sozial. Wenn ich aber an diese Veranstaltungen denke, weiß ich, dass ich viele Gesichter sehe, die ich kenne. Geht euch das nicht auch so? Wie viele von über 80 Millionen Einwohner*innen in Deutschland setzen sich tatsächlich aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung ein? Wie viele von uns sind sich dessen in ihrer sozialpolitischen Haltung und in ihrem Handeln bewusst? Es ist leicht zu sagen, Rassismus und Diskriminierung sei doof. Da würden die meisten wohl ad hoc zustimmen. Die tatsächliche sozialpolitische Entwicklung in Deutschland spiegelt das allerdings nicht wider. Es ist leicht, Stories über Rassismus auf Instagram und Facebook mit einem gutgemeinten „Herzchen-Emoji“ zu versehen, gleichzeitig für eine verschärfte Asylpolitik zu stimmen und sich salonfähig über die Gewaltbereitschaft junger, „arabisch aussehender“ Männer auszulassen. Und darin liegt die Antwort. Menschen, die sich tatsächlich bewusst und aktiv für die unabdingbare Menschenwürde anderer einsetzen, sind eine Minderheit. Das erinnert an ein Zitat von Friedrich Nietzsche, der sagte: „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, — aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“
Verhallen also alle Bemühungen? Natürlich nicht. Doch wie bewegt man Menschen und damit einen Großteil unserer Bevölkerung, denen das Leid und die Benachteiligung anderer, die von Rassismus und Diskriminierung betroffen sind, relativ gleichgültig ist? Charles Bukowsky formulierte es so: „Ich denke, das einzige Mal, dass Menschen über Ungerechtigkeit nachdenken, ist, wenn sie ihnen selbst widerfährt.“ Diese Idee ist sogar wissenschaftlich belegt. Erst wenn der sozialwirtschaftliche Druck zu sehr steigt und persönlich als unangenehm empfunden wird, begehren Menschen in größeren Massen auf. Gleichgültigkeit ist also ein Privileg.
Weitere Studien weisen zudem nach, dass Menschen Komplexität als anstrengend empfinden. Kein Wunder also, dass wir im Kommunikationszeitalter der habituellen Nutzung digitaler Medien verfallen und uns von Cookies und Algorithmen einen individuell maßgeschneiderten Informationszufluss erstellen lassen, der nur das durch seinen Filter lässt, was uns selbst gefällt. Seicht und undifferenziert. Das Ergebnis ist eine konstruierte Dissonanz zwischen Realität und Vorurteilen.
Grund genug also, diese Aspekte strategisch in unserer Arbeit aufzugreifen: mehr (auch kompakte) Information, mehr Perspektiven, mehr differenzierte und (historisch) selbstkritische Sichtweisen, mehr Aktivismus. Da dies kurzfristig nicht reichen wird, sind wir für Anregungen und Patentrezepte ganz Ohr! Und um diesen Artikel schwungvoll und positiv abzuschließen noch ein Zitat von Maya Angelou: „Meine Mission ist, nicht nur gerade so zu überleben, sondern aufzublühen – und das mit etwas Leidenschaft, etwas Mitgefühl, etwas Humor und etwas Stil.“
Tamara Al-Keilani, Leiterin PARITÄTISCHES Kompetenzzentrum Migration (KomMig)
