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Inklusive Recycling-Werkstatt in Lurup

drei Frauen aus dem Team der inklusiven Werkstatt vor der von ihnen selbst gebauten Maslov-Fräse

In Lurup, versteckt hinter Gewerbebetrieben, tut sich eine ganz besondere Welt auf. Die offene Recycling-Werkstatt unseres Mitglieds insel e.V. beherbergt zahlreiche 3D-Drucker, Fräsmaschinen, Pressen, Granuliervorrichtungen, Schweißgeräte, Schneidegeräte sowie recycelte oder recycelbare Rohstoffe. All das und ganz viel Kreativität ermöglichen hier, Heimwerker*innenträume wahrwerden zu lassen.

Die Werkstatt, die im September 2022 nach über einem Jahr Planung eröffnete, ist fest in Frauenhand. Neben dem einzigen festangestellten Mann, einem Umweltwissenschaftler, gehören zum hauptamtlichen Team eine Ergotherapeutin, eine Holztechnikerin und Ivonne zum Felde. Von ihr stammt die Idee zu dieser inklusiven Recycling-Werkstatt, die nicht nur möglichst ökologisch wertvoll arbeiten, sondern auch Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen sinn- und freudvolle Betätigungsmöglichkeiten bieten möchte. Die studierte Soziologin arbeitete 20 Jahre im Innovationsmanagement und hat mit 48 Jahren noch eine Tischlerlehre gestartet und absolviert.

Etwa 30 Förderanträge haben sie und ihr Kollege Nick Haimerl gestellt, die meisten davon wurden bewilligt und ermöglichen so für mindestens die nächsten drei Jahre diese besondere Werkstatt. „Zu uns kann jeder und jede kommen, egal wie alt, welches Einkommen, welches Geschlecht, ob mit oder ohne Einschränkungen. Wir unterstützen alle dabei, die eigenen Ressourcen zu nutzen und die eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Man kann hier einfach nur für sich werkeln oder sich in Workshops einbringen und gemeinsam mit anderen etwas entwickeln.“

So gab es kürzlich einen Workshop, in dem Pflanzgefäße für Vertikalbegrünung geplant, entwickelt und als Prototypen produziert wurden, sowie einen Kurs zur Produktion von Kerzen. Weitere Workshops, z.B. für den Bau von Hochbeeten oder zum Bearbeiten von Textilien mit Laser sind geplant. 

„Täglich kommen zwischen acht und 20 Menschen zu uns, manche kommen jeden Tag, manche trinken auch nur einen Kaffee und sind einfach dabei. Manche sind aus der Nachbarschaft und kommen mit einem speziellen Anliegen. Wieder andere sind Klient*innen von sozialen Trägern, deren Teilnahme am arbeitsweltlichen Kontext gefördert werden soll.“

In der großen Halle darf sich jede*r entfalten und ausprobieren. Mit den 3D-Druckern können zum Beispiel gezielt Ersatzteile nachgedruckt werden, Dateien dafür gibt es zahlreich im Internet. Oder sie werden im Rahmen eines Workshops von den Expert*innen vor Ort am Computer erstellt. Doch die Recyclingwerkstatt ist nicht nur für einzelne Menschen da. Sie produziert auch Sitzbänke für den öffentlichen Raum und plant weitere Projekte, die helfen, dass sich die Werkstatt langfristig finanziell selbst trägt.

Ein Standbein dabei könnte die Arbeit mit Kunststoffen sein. „Wir sind die einzige Recyclingwerkstatt in Hamburg, die mit Kunststoffgranulat arbeitet“, sagt Ivonne zum Felde und zeigt auf mehrere beschriftete Eimer, in denen gehäckselte Plastikflaschendeckelteilchen liegen, nach Farbe sortiert. Dieses Granulat bekommen sie von unserem Mitglied Leben mit Behinderung, dessen Klient*innen bei diesem Recyclingprozess tatkräftig mitwirken. Aber die Luruper recyceln auch selbst, alte Verpackungen und Folien zum Beispiel. Oder sie bekommen granulierte Tupperware oder Spielplatzelemente. Daraus pressen sie farbige Platten, die, je nach Kundenwunsch, zurechtgeschnitten, verbunden oder gefräst werden und somit das Plastik einem neuen Sinn zuführen. Die Pressen heißen „Edelgard“ oder „Plattitüde“, denn fast jedes Gerät hier hat von den Nutzenden einen Namen erhalten. Manche der Maschinen hier sind günstig erstanden und repariert oder gleich selbstgebaut worden. Wie zum Beispiel die große Maslow-CNC-Fräse, die drei der Betreiberinnen kurzerhand selbst gefertigt haben. Sie hört übrigens auf den Namen „Masel Tov“.

Vernetzung im Stadtteil und darüber hinaus ist für die Macher*innen sehr wichtig. So waren kürzlich einige Jugendliche mit Fluchtgeschichte da und drehten kleine Videos, die die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten dieser Werkstatt vorstellen. Die Art der Kooperationen ist weitgefächert und reicht von anderen sozialen Trägern bis zum Maschinenbaustudenten, der seine Freizeit gerne in dieser Werkstatt verbringt.

„Zugang zu Nachhaltigkeit, moderner Technik und Umwelt-Bildung sollte allen Menschen zur Verfügung stehen“, sagt Ivonne zum Felde. „Doch noch sind diese Bereiche oft exklusiv, nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen, daran teilzuhaben. Unsere offene Werkstatt steht für Teilhabe.“ Daher sind alle Angebote dort kostenlos, außer jemand möchte etwas erstellen, das nicht nachhaltig ist. Auch das ist möglich, allerdings muss dann ein Ausgleich gezahlt werden, der anderen nachhaltigen Projekten dort zugutekommt. Spenden und weitere Auftraggeber sind natürlich immer willkommen.

Wenn alles klappt, wird die Werkstatt für unser 100. Jubiläum nächstes Jahr etwas Außergewöhnliches fertigen, zumindest teilweise aus recycelten Materialien. Mehr sei an dieser Stelle noch nicht verraten.

Katja Gwosdz, Öffentlichkeitsarbeit