Blog

Schlaglicht: Ganztagskongress 2025 „Das Kind im Zentrum“ – Impulse für einen kindgerechten Ganztag

Beim Ganztagskongress 2025 in Berlin versammelten sich zwei Tage lang 300 Fachleute und 230 digital Teilnehmende zu diesem Thema und deutlich wurde: Der Rechtsanspruch ab 2026 befördert das Nischenthema Ganztag und den Fokus auf institutionelle Rahmenbedingungen für „große“ Kinder im Grundschulalter.Was im Kita-Bereich bereits längst Gegenstand von Untersuchungen, Empfehlungen und Bildungsleitlinien ist, zieht nun auch (endlich) seine Kreise in die daran anschließende Institution, die Grundschule.
Dabei wurde deutlich betont: Ganztag heißt aus Kindersicht, den ganzen Tag in den Blick zu nehmen. Auch das System „Schule“.Neben verschiedenen Schwerpunkten ging es um das Kernthema Partizipation.
Vielleicht DAS Thema, an dem sich Haltungs- und Systemgrenzen sowie unterschiedliche Bildungsverständnisse diskutieren lassen.
Dabei zeigt uns die Realität im Ganztag grundsätzlich: Kinder sind nach wie vor zu oft die „Empfänger“ von Angeboten und vorgegebenen Strukturen, anstatt die (Mit-)Gestalter ihres Alltags.
Eine erste Zusammenfassung und Übersicht zu den Themen ist hier zu finden: Dokumentation.
Unsere Kolleginnen Manja Scheibner, Ganztags-Referentin, und Hanna Häutle, Fachberaterin Ganztag, waren auf dem Kongress und lassen uns an ihren Erfahrungen und Eindrücken teilhaben.

Wie habt Ihr den Kongress erlebt, was hat Euch bewegt, irritiert, zum Nachdenken gebracht?

Hanna: Im Vergleich zum letzten Jahr ist mir dieses Jahr eine deutlich stärkere Trennung zwischen Schule und außerschulischen Partnern bzw. der Kinder- und Jugendhilfe aufgefallen. Den Ganztagskongress im letzten Jahr haben Jana Borkamp (BMFSFJ) und Dr. Johanna Börsch-Supan (BMBF) gemeinsam eröffnet. Dieses Jahr gab es eine klare Trennung: Begrüßung durch Stephan Ertner (BMBF) und Abschluss von Lisa Paus (BMBF). Die Worte ‚Schule‘, ‚Ganztag‘, ‚Schüler*innen‘ und auch mal ‚Kinder‘ sind sehr oft gefallen. Manchmal hatte ich den Eindruck, es muss am Vormittag die Schule für Schüler*innen geben und am Nachmittag beginnt dann der Ganztag für die Kinder.

Dr. Anna Grebe ist mit einem sehr starken und ehrlichen Vortrag in den Kongress eingestiegen. Ihr Zeltlagerbericht hat mich wie alle im Saal abgeholt und auch nachdenklich gemacht. Was war mir als Kind wichtig und wo habe ich das erlebt – am Vor- oder Nachmittag? Und hätte ich das auch im Ganztag erleben können?
Ihre sehr ernste Aussage, zum Thema Augenhöhe hat mich durch die beiden Tage begleitet. Dass Kinder- und Jugendhilfe sowie Schule schon aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen und des unterschiedlichen Prestiges nicht auf Augenhöhe agieren (können), ging im Laufe des Ganztagskongresses jedoch leider unter. Ich würde mir wünschen, dass bei einem der nächsten Ganztagskongresse auf Augenhöhe über Augenhöhe diskutiert wird. Diese bedeutet für mich, dass alle Beschäftigten im Ganztag faire Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsumfänge haben, von denen sie leben können.

Manja: Erstmal fand ich das Programm sehr kurzweilig und gut gestaltet, sehr gut moderiert. Zu Beginn einzusteigen mit Visionen zum guten Ganztag war spannend, das "Legislative Theater Berlin” hat unter Mitwirkung der Teilnehmenden sehr gut demonstriert, warum das mit dem Thema Innovation und Kindorientierung gar nicht so leicht ist. Michael Fritz von der Initiative Zukunftsbildung brachte es bereits zu Beginn auf den Punkt: So viele sind mit ganz unterschiedlichen Denkweisen am System Schule beteiligt, alle glauben auch aus der eigenen Biografie heraus, etwas dazu sagen zu können. Und eine interessante Beobachtung: Alle definieren sich in Abgrenzung zu den anderen, Innovationen haben es schwer.

Insgesamt habe ich bei diesem Kongress wahrgenommen, dass der Innovationsdruck bzgl. Partizipation und Kindorientierung sehr stark Richtung Unterricht und an das “System “Schule” adressiert wurde. Auch die neue Studie von Prof. Dr. Nentwig Gesemann zielte sehr ab auf das Thema Partizipation und Resonanz in Bezug auf Lernen in Schule.
Am zweiten Tag wurden zum Abschluss Stimmen von Kindern/Jugendlichen eingespielt zum Thema Ganztag und Lernen, die Familienministerin Lisa Paus kommentierte.
Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, weil aus den Beiträgen klar wurde, dass Kinder/Jugendliche das Thema Ganztag sehr eng verknüpfen mit “Schule” und Lernen.

So richtig und wichtig ich es finde, dass sich auch das System “Schule” verändern muss, so relevant finde ich aber auch, dass Ganztag ausreichend Zeit für Freizeit und freie Gestaltungsräume bieten muss als Gegengewicht zum formalen Lernen – so gut man das gestalten könnte.
Umso wichtiger, Kinder auch zu beteiligen an den zeitlichen Strukturen im Ganztag und nicht nur an den Inhalten.
 

An welchen drei Workshops habt Ihr teilgenommen und was habt Ihr davon mitgenommen?

Hanna:
Demokratisches Empowerment: Wie stärke ich Schülerinnen und Schüler sich aktiv zu beteiligen?
In diesem Workshop wurde unter anderem ein Best-Practice-Beispiel vorgestellt, das zeigt, wie strukturierte Beteiligungsformate im Ganztag erfolgreich umgesetzt werden können. Mitgenommen habe ich hier vor allem, wie bedeutsam es ist, solche Formate – sei es nun die Klassenstunde am Vormittag oder die Kinderkonferenz am Nachmittag – gut zu organisieren und zu strukturieren. Ich kenne es noch aus meiner eigenen Praxiserfahrung, dass Beteiligungsformate oftmals eher unstrukturiert abgelaufen sind. Wir kennen das ja selbst von Besprechungen, die wir als "Zeitfresser" wahrnehmen; wenn es keine Tagesordnung, kein Protokoll und am Ende keine festgehaltenen Ergebnisse gibt, fühlen wir uns doch auch nicht ernst genommen. Damit Kinder, ihre Themen und ihre Rechte wirklich anerkannt werden, sollten wir deren Beteiligungsformate genauso ernst nehmen, wie eine gute Team- oder Dienstbesprechung – mit klarer Struktur, Tagesordnung und verbindlichen Ergebnissen.
Ich war etwas überrascht, dass bei dem Best-Practice-Beispiel eine Trennung zwischen Klassenstunde für Schüler*innen am Vormittag und Kinderkonferenz für Kinder am Nachmittag bestand. Wenn unser Ziel ist, dass der Ganztag ein lebenswerter Lebensraum für Kinder sein soll, sollten wir aufhören, zwischen Schüler*innen und Kindern zu unterscheiden. Im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention sollten wir, wie der Name schon sagt, von und mit Kindern sprechen, statt Kinder an eine kategoriale Rhetorik zu gewöhnen.

Kinder in der Qualitätsentwicklung beteiligen: Perspektiven und Evaluationswerkzeuge aus Berlin und Sachsen
In diesem Forum wurde die Studie „Was Grundschulkinder brauchen“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung vorgestellt. Anschließend wurden „Kinderworkshop-Methoden" vorgestellt, die zeigen, wie die Perspektive der Kinder in die Qualitätsentwicklung einbezogen werden kann. Die Ganztagsforschung hat sich in den letzten Jahren immer mehr in Richtung "Kinderperspektive" entwickelt. Das ist ein großer Gewinn. Allerdings habe ich manchmal die Sorge, dass die Ergebnisse der Studien nun einfach auf die einzelnen Standorte übertragen werden. Das ist grundsätzlich richtig. Genauso wichtig ist es aber, die Kinder am jeweiligen Standort immer wieder zu befragen, zu beteiligen und in die (Qualitäts-) Entwicklung einzubeziehen. Jeder Standort und jedes Kind sind einzigartig. Daher ist es wichtig, bei der Entwicklung bzw. Anpassung von Evaluationsinstrumenten bzw. Qualitätsverfahren Kinder(-perspektiven) nicht nur ‚mitzudenken‘, sondern diese so zu gestalten, dass Kinder bereits direkt in die Arbeit mit diesen einbezogen werden können.

Recht auf Bewegung und Spiel: Kinderrechte im Ganztag
Ich habe mich sehr gefreut, dass ich am Workshop "Bewegung und Kinderrechte" teilnehmen konnte. Einerseits spielt Bewegung in der mittleren Kindheit eine sehr große Rolle. Sowohl für die körperliche als auch die mentale Gesundheit brauchen Kinder Bewegung. Leider kommt genau diese mit Schuleintritt meist zu kurz. Am Nachmittag holen die Kinder das dann nach. Gleichzeitig ist es nicht immer einfach, das "Recht auf Bewegung" gegenüber der Schule, aber auch gegenüber den Familien zu verteidigen. Mir ist es wichtig, dass die Standorte darin bestärkt werden, die Kinder nachmittags "einfach mal laufen" zu lassen. Auch wenn es von außen manchmal so aussieht, als würden die Kinder nach 13:00 nur "toben" – das ist ihr Recht.

Manja:
Sozialraum und Ganztag: Unterstützungssysteme vom Kind her denken
Ein Projekt der Stiftung Startseite | Ein Quadratkilometer Bildung, die ich noch nicht kannte.
Mitgenommen daraus habe ich, dass es für die Vernetzung im Sozialraum Koordinationsstellen braucht, die methodisch gut geschult und diplomatisch versiert sind, um die unterschiedlichen Institutionen zusammenzubringen oder um gezielt für Kinder mit besonderen Bedarfen individuelle Wege zu ermöglichen.

Kinder stärken und schützen: Sexuelle Bildung im Kontext ganztägiger Bildung und Betreuung
Statistisch gesehen sitzen in jeder Klasse ein bis zwei Kinder, die Opfer von sexuellem Missbrauch sind.
Während das Thema für die Träger im Nachmittag m.E. häufig primär im Rahmen der Schutzkonzepte thematisiert wird, sollte dies als wichtiges (gemeinsames) Bildungsthema eine Rolle spielen und eine Niedrigschwelligkeit geschaffen werden.
Nur durch die Überwindung von erlernter Sprachlosigkeit werden Schutzkonzepte richtig wirksam.
Aber auch darüber hinaus gilt es, für das Thema Sexualität offen und sprachfähig zu sein. Sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens und für Kinder im Grundschulalter ein zunehmend bedeutsames Thema.
Wir greifen das Thema im nächsten AK Ganztag auf.

Ein "ganzer Tag Schule": Pädagogische Konzeptionen für einen kindgerechten Ganztag
Einblick in Rheinland-Pfalz und die Grundschule Hasenfänger,  eine offene Ganztagsschule unter schulischer Verantwortung.
Es war beeindruckend, wie sie ihr eigenes System aufbrechen, lockern und andere Lernformen etablieren. Die Schule hat mich bei der Kurzvorstellung auf dem Kongress zu einem “WOW” verleitet. Die Kollegin aus dem Ministerium präsentierte die Vorgaben für Schulen im Ganztag. Alles soll gleichwertig und ausgewogen vertreten sein. Unterricht, Lernen, Verzahnung, Freizeit.
Am Ende blieb allerdings für mich die ernüchternde Erkenntnis: Bei allen positiv zu bewertenden, kindorientierten Veränderungen im Kontext “Lernen”, bleibt den Kindern effektiv eine Stunde Freizeit von 15-16 Uhr. Ein starker Partner an der Seite aus der Jugendhilfe könnte da vielleicht gute Impulse setzen.
 

Welche Impulse wollt Ihr weitergeben?

Hanna: Der Vortrag von Michael Fritz, in dem er beschrieben hat, wie frustrierend ein Schultag sein kann, und seine Frage, was wir mit den Kindern machen, die in der Schule erleben oder gesagt bekommen „Du kannst nicht“, hat mich sehr berührt. Wenn wir noch einmal zwanzig Jahre zurückblicken, dann war eine der Begründungslogiken für den Ganztagsausbau, dass die PISA-Studie 2001 die Ungerechtigkeit unseres Schulsystems deutlich gemacht hat. Wir haben viel getan, aber das Schulsystem als solches hat sich nicht geändert und kann sich vielleicht auch nicht ändern. Umso wichtiger ist es, dass wir als Akteur*innen der Kinder- und Jugendhilfe unser Selbstverständnis als Menschenrechtsprofession ernst nehmen. Das Team der FBBE hat im vergangenen Jahr bereits intensiv zum Thema ‚Reckahner Reflexionen - Ethik pädagogischer Beziehungen‘ gearbeitet und daran möchte ich gerne anknüpfen. Die Vorträge von Michael Fritz und Dr. Anna Grebe waren für mich hier wichtige Impulse. Der Bildungsauftrag am Nachmittag sollte sein, allen Kindern Zuversicht zu vermitteln und dass alle Kinder erfahren: „Ich kann!“

Manja:
Ich nehme mit:

  • Im Netzwerk “Wir gehen aufs Ganze” das Thema Partizipation und Zeitstrukturen zu thematisieren insb. im Hinblick auf “Lernzeiten/Hausaufgaben” und die Ausweitung des schulischen Lernens in den Bereich “Freizeit/Selbstbestimmung”.
  • Im AK Ganztag und für die Träger das Thema “Sexualbildung” thematisieren.
  • Auf der Metaebene die Frage anzustoßen, inwieweit für Schulaufsichten in Hamburg und in der Weiterqualifikation für Schulleitungen das Thema Ganztag relevant sein und diskutiert wird/ werden sollte, so wie auf dem Kongress.