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Ein Lotse geht von Bord der Motte in Ottensen

Michael Wendt

Nach fast 30 Jahren als Geschäftsführer der MOTTE in Ottensen geht Michael Wendt im September 2023 endgültig in den Ruhestand. Seinen Nachfolger Manuel Rakers arbeitet er gerade ein. Wir hatten Gelegenheit, Michael Wendt zu treffen und ihm ein paar Fragen zu stellen.
 

Was genau ist die MOTTE?

Die MOTTE Verein für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit ist ein Zentrum für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit, das seit 1976 Veranstaltungs-, Kurs- und Werkstattangebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene macht. Die Bereiche Kita (60 Plätze), Jugendsozialarbeit, Kultur und Bildung, Veranstaltungen und Werkstätten verfolgen den Ansatz, sozialpädagogische, kulturelle, künstlerische, handwerkliche und nachhaltige Angebote zu vernetzen. Ziel ist die Gestaltung einer vielfältigen soziokulturellen Praxis, die sich den Herausforderungen einer sich ständig wandelnden Gesellschaft stellt. Dabei werden innovative und emanzipatorische Konzepte kontinuierlich mitgestaltet und umgesetzt. Die MOTTE ist Mitgesellschafterin in verschiedenen Netzwerken und Organisationen und tritt auch als Vermieterin auf. derzeit befindet sie sich in einem öffentlich geförderten baulichen Umgestaltungsprozess.
Bei uns sind Menschen teilweise seit 40 Jahren Mitglied. Wir bieten für ganz unterschiedliche Altersgruppen vielfältige Angebote und sind für viele im Stadtteil eine Art Zuhause geworden.
 

Was war das absolute Highlight in Ihrer Zeit als Chef bei der Motte?

Ich sehe mich und die MOTTE als Ermöglicher. Ich initiiere viel, ich vernetze, baue auf. Das gehört zu meiner Rolle als Geschäftsführer. Aber ich kann Ideen haben, so viele ich will, ohne Menschen, die diese Ideen tragen, bringt das alles nichts. Netzwerke funktionieren nur, wenn alle sich einbringen, und das hat vielfach sehr gut geklappt.
Zu nennen wäre da in meiner Anfangsphase des externen Aufbaus von neuen Netzwerken ab 1996 (Produktionsschule Altona, AKTIVOLI und altonale) und deren Etablierung. Alle drei Gesellschaften existieren heute noch hervorragend. Das waren 10 sehr intensive Zeiten. Mein TOP-Favorit ist das Erinnerungsprojekt „Sound in the Silence“. Eine Projektentwicklung ab 2010, die bis heute national wie international funktioniert und ab 2023 eine neue Variante für Hamburger Schulen und die internationale Stadtgesellschaft entwickelt wird. In der Summe könnte ich auch sagen, dass die Möglichkeiten zu langfristigen Projektentwicklungen mein ganz besonderes Highlight darstellten.
 

Vor welchen Herausforderungen steht Hamburg aus Ihrer Sicht und wie kann die Motte dabei mitwirken?

Der hohe Grad an Individualisierung hat eine Kehrseite: die Menschen verlieren sich. Der Kampf um Wahrheiten erzeugt hohen Druck auf die Kommunikationsmöglichkeiten. Neoliberalismus partizipiert ungemein heftig daran. Das „WIR“ zu finden wird schwieriger. Die Gesellschaft segregiert heftig. Durch die neoliberalistische „Landnahme“ über ständig steigender Konsumverführung fallen mehr und mehr Orte auch für die nachbarschaftliche Begegnung ohne Konsumzwang weg. Spaltungen (Milieus) erzeugen eher ein Gegeneinander. Hier bieten Stadtteilkulturzentren, Bürgerhäuser oder Kommunikationszentren etc. notwendige Gelegenheiten. Es muss mehr solcher Orte in der Metropolregion geben. Um weiterer Isolation entgegenzuwirken. In der Zukunft sind solche Orte sehr wichtig. Die MOTTE bzw. die Vereinsmitglieder werden weiter darum kämpfen, dass der Standort in Ottensen erhalten bleibt. Selbst ein Ort wie Ottensen, der aus Umverteilungsgesichtspunkten leichter Dings als „gentrifiziert“ und deswegen als weniger förderungswürdig beschrieben wird, braucht weiterhin die MOTTE. Denn selbst die Sozialraumdaten sprechen sich u.E. dafür aus. Und bzgl. zukünftiger Prekarisierung und materiellen Verlusten im Mittelstand, ändert sich wieder die scheinbare Eindeutigkeit von Verteilungsmechanismen. Die MOTTE war immer auch Intermediär. Stadtentwicklung durch Kultur ist dabei nur ein Aushängeschild. Gesellschaftliche Inklusion braucht starke Träger, Orte und Menschen, die sich dafür einsetzen. Die MOTTE ist so ein Ort und lebt hoffentlich noch lange von ihrem guten Ruf, lokal und regional.
 

Was ist euer neuestes Projekt?

Das ist unser TauschKliMOTTE-Projekt, in dem Menschen lernen können, dass der Austausch von Produkten eine CO2-Ersparnis bedeutet. Hier kann Nachhaltigkeit erlebt werden. Diese Idee wurde aus Bremen an uns herangetragen, ob wir supporten können. Wir haben in Altona-Nord eine Ladenfläche gefunden, und haben mittlerweile, trotz Corona, 500 Menschen in diesem Verein, der an die MOTTE angedockt ist. Ich hoffe sehr, dass das etwas richtig Großes werden wird.
 

Seit 1981 ist die Motte bei uns Mitglied, über 40 Jahre. Was verbinden Sie mit dem PARITÄTISCHEN?

Eine Zeitlang habe ich den Paritätischen für die OKJA in der Sozialbehörde vertreten. Eine frühe Kooperation, die ich immer gut nutzen konnte. Vor allem, um mir fachlichen Input zu besorgen, den ich im Hause gut gebrauchen konnte. Unsere Entwicklung erster Betreuungsangebote für Kinder (Hort, Schülermittagstisch, Kita) hin zur Kita heute, wurde seitens des Verbands verlässlich begleitet. Es ist heute vor allem der Mehrwert, den wir bezüglich der ständigen Neuverhandlungen mit Kita-Segment brauchen und bekommen. Ohne diesen Input wäre es nur schwerlichst vorstellbar, dass so ein kleiner Träger wie die MOTTE diesen Anforderungen entsprechen könnte.
 

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Hamburg 2050. Welche Bedeutung hat die Motte da? Welche der PARITÄTISCHE?

2050 kann die MOTTE unbeschwert in die Zukunft blicken. Am selben Standort. Die Mietverträge laufen Ende 2044 aus und müssen neu verhandelt werden. Die Zuwendungsgeber unterstützen dies, indem die höheren Mietkosten in die Zuwendungen einfließen. Und darüber hinaus die dann erforderlichen Aufgaben auch umgesetzt werden können. Themen und Aufgabe wird es genug geben.
2050 ist der Paritätische ein sehr erfolgreicher Verband mit noch stärkerer Relevanz als Verhandlungs- und Vertragspartner. Seine spezifische Mitgliederorientierung ist legendär! Die Zufriedenheit der Mitglieder hat ein neues Miteinander der gegenseitigen Solidarisierung erzeugt, an dessen Entstehen der Paritätische starken Anteil hat.
 

Und was sind Ihre persönlichen Pläne für die Zeit als Ruheständler?

Ein wenig Ruhe und Abstand zum Arbeitsalltag. Denn die Entwicklung zu immer mehr administrativen Anforderungen an meinen Arbeitsplatz war nur bedingt schön. Wenn ich wieder Luft habe, suche mir im Genre neue Herausforderungen und freue mich auf tolle Begegnungen.

Wir wünschen von Herzen alles Gutes für den Ruhestand und sind überzeugt, dass Michael Wendt auch in Zukunft in und für Ottensen und die ganze Stadt auf die eine oder andere Art aktiv sein wird.