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Gemeinwohl-Ökonomie beim PARITÄTISCHEN Hamburg: Unser Weg zur ersten Bilanzierung

Von der Vision zur systematischen Analyse unserer Gemeinwohlorientierung

Wir verstehen wir uns seit jeher als Anwalt für soziale Gerechtigkeit und eine solidarische Gesellschaft. Doch wie gemeinwohlorientiert handeln wir tatsächlich in unserem organisatorischen Alltag? Diese Frage haben wir uns 2025 gestellt und uns auf den Weg gemacht, unsere Arbeit erstmals nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zu bilanzieren.
 

Warum Gemeinwohl-Ökonomie?

Die GWÖ-Matrix bietet einen strukturierten Rahmen, um zu bewerten, wie ethisch und nachhaltig eine Organisation wirtschaftet. Für uns als Wohlfahrtsverband war dies eine logische Ergänzung zu unserer satzungsmäßigen Ausrichtung: Wir wollten systematisch erfassen, wo wir bereits gemeinwohlorientiert handeln – und wo noch Entwicklungspotenzial besteht.
Die GWÖ-Matrix bewertet anhand von 20 Themenfeldern, wie eine Organisation mit ihren verschiedenen Berührungsgruppen – von Lieferant*innen über Mitarbeitende bis zum gesellschaftlichen Umfeld – umgeht. Dabei werden vier Grundwerte betrachtet: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung.
 

Unser Bilanzierungsprozess: Partizipativ und strukturiert

Von März 2025 bis Februar 2026 durchliefen wir einen intensiven Prozess, der auf Beteiligung und Dialog setzt. Das Herzstück bilden fünf Workshops mit unseren Bereichsverantwortlichen und weiteren Spezialisten – ergänzt durch Mitarbeitendenbefragungen, Stakeholder-Interviews und eine digitale Plattform zum Informieren, Fragen stellen und aktiv mitwirken.

Die Workshop-Reihe zu den Berührungsgruppen

Jeder Workshop widmete sich einer spezifischen Berührungsgruppe (z.B. Lieferant*innen, Kund*innen, Gesellschaft allgemein) und beleuchtete diese unter den vier GWÖ-Werten Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung:

Lieferant*innen und ethischer Einkauf (April 2025): In diesem ersten Workshop analysierten wir unsere gesamte Lieferkette – von Büromaterialien über IT-Hardware bis zu Dienstleistern. Wir stellten uns Fragen wie: Werden unsere Waren unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt? Pflegen wir langfristige, faire Beziehungen zu unseren Lieferant*innen? Welche Umweltkriterien spielen bei der Auswahl eine Rolle? Dabei wurde deutlich, dass wir bereits bewusst mit sozialen Einrichtungen wie den Elbewerkstätten oder der Produktionsschule Altona zusammenarbeiten und auf faire Zahlungsfristen achten. Gleichzeitig erkannten wir Handlungsbedarf bei der systematischen Überprüfung sozialer und ökologischer Standards in komplexeren Lieferketten – etwa bei IT-Hardware.

Eigenkapital und Finanzpartner*innen (Mai 2025): Hier beschäftigten wir uns mit grundlegenden Fragen: Wie gehen wir mit unseren Geldmitteln um? Wer entscheidet über Finanzen? Investieren wir ethisch? Als gemeinnütziger eingetragener Verein konnten wir unsere demokratische Eigentumsstruktur hervorheben: Keine Gewinnausschüttungen, struktureller Ausschluss von Privatisierung, Entscheidungen durch Mitgliederversammlung und gewählten Verbandsrat. Besonders stolz sind wir auf unsere gemeinwohlorientierten Finanzanlagen bei der Bank für Sozialwirtschaft und in Ethik-Fonds mit klaren Ausschlusskriterien für Rüstung, fossile Brennstoffe und Menschenrechtsverletzungen. Entwicklungspotenzial sehen wir bei der formalen Verschriftlichung unserer Auswahlkriterien.

Mitarbeitende und Kolleg*innen (Juni 2025): Dieser Workshop zeigte unsere Stärken im Bereich fairer Arbeitsbedingungen besonders deutlich. Wir diskutierten Themen wie Vergütungsstruktur, Arbeitszeit, Diversität und Mitbestimmung. Herausragend ist unsere tarifliche Bindung mit einer geringen Gehaltsspreizung von 4,2:1 (alle Gehälter liegen 20% über dem lebenswerten Verdienst), unsere flexible Vertrauensarbeitszeit ohne Kernarbeitszeiten sowie die hohe Teilzeitquote von 72% – ein Zeichen für Familienfreundlichkeit. Unsere Mitarbeitenden mit Ausnahme der Mitarbeitenden in den Konferenzräumen können zu 98% mobil arbeiten. Kritisch sehen wir jedoch unsere Diversität: Mit 14,3% Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund liegen wir deutlich unter dem Hamburger Durchschnitt von 41,2%. Auch Menschen mit Behinderung sind mit 2,6% unterrepräsentiert (gesetzliche Quote: 5%). Zudem fehlt uns eine systematische Umweltkultur – ökologische Themen spielen in Weiterbildungen kaum eine Rolle.

Kund*innen und Geschäftspartner*innen (Juli 2025): In diesem Workshop betrachteten wir unsere Beziehungen zu Mitgliedsorganisationen, Kooperationspartnern und Ratsuchenden. Für uns als Dachverband sind unsere "Kund*innen" primär die über 400 Mitgliedsorganisationen. Wir analysierten, wie ethisch und transparent wir kommunizieren, wie kooperativ wir zusammenarbeiten und wie partizipativ wir Mitglieder einbinden. Stolz sind wir auf unsere strukturelle Absicherung gegen manipulative Kommunikation (keine umsatzabhängigen Vergütungen) uns unsere strikte DSGVO-Einhaltung. Etwa 30-40% unserer Ressourcen fließen in kooperative Arbeit – von gemeinsamen Fachstandards bis zu Vernetzungsformaten. Die größte Schwachstelle: Wir haben bisher nur unsystematische Analysen von digitalen, sprachlichen oder finanziellen Zugangsbarrieren zu unseren Dienstleistungen durchgeführt.

Globale Gemeinschaft und gesellschaftliches Umfeld (September 2025): Im letzten Workshop weiteten wir den Blick auf unsere Wirkung in die Gesellschaft hinein. Wir fragten uns: Welchen Beitrag leisten wir zur Grundbedürfnisbefriedigung? Wie transparent kommunizieren wir? Wie gehen wir mit Korruptionsrisiken um? Wie minimieren wir unsere Umweltauswirkungen? Hier zeigte sich unsere vorbildliche gesellschaftliche Ausrichtung besonders deutlich: Unser gesamter Organisationszweck ist auf gesellschaftlichen Nutzen ausgerichtet, wir tragen systematisch zu UN-Nachhaltigkeitszielen bei (Armut, Gesundheit, Bildung, Ungleichheit). Durch unsere Multiplikatorwirkung erreichen wir indirekt Hunderttausende Menschen. Wir engagieren uns in 28 Gremien, veröffentlichen regelmäßig politische Stellungnahmen und bieten kostenfreie Impulsveranstaltungen an. Schwächen identifizierten wir bei der Wirkungsmessung (keine systematische Evaluation unserer gesellschaftlichen Effekte), bei der Korruptionsprävention (kein formalisierter Verhaltenskodex) und beim ökologischen Management (keine CO₂-Bilanzierung, geringe Bekanntheit ökologischer Ziele unter Mitarbeitenden).

Beteiligung über die Workshops hinaus

Parallel zu den Workshops öffneten wir den Prozess für alle Mitarbeitenden: Über einen Teams-Kanal und eine SharePoint-Website konnten sie sich informieren, Fragen stellen und Impulse einbringen. Zusätzlich führten wir Befragungen durch und holten gezielt Feedback von Stakeholdern ein. An drei "5. Montagen" (unseren monatlichen Vollversammlungen) berichteten wir über den Prozessfortschritt und sammelten Rückmeldungen.
 

Zentrale Erkenntnisse: Wo wir stehen

Die Bilanzierung hat uns ein differenziertes Bild unserer Gemeinwohlorientierung geliefert. Insgesamt erreichten wir über alle Bereiche hinweg die Stufe "Fortgeschritten" – ein gutes Fundament, aber mit Entwicklungspotenzial.

Unsere Stärken

Demokratische Strukturen und Transparenz: Als gemeinnütziger Verein mit demokratischer Selbstverwaltung, transparenter Finanzplanung und aktiver Mitgliederbeteiligung leben wir Mitbestimmung strukturell. Unsere Eigentumsstruktur verhindert Gewinnmaximierung zugunsten des Gemeinwohls.

Faire Arbeitsbedingungen: Tarifbindung, geringe Gehaltsspreizung, flexible Arbeitszeiten, hohe Teilzeitquote und umfangreiche Mobilitätsangebote (Deutschlandticket-Zuschuss, JobRad) schaffen ein wertschätzendes Arbeitsumfeld.

Gesellschaftliche Wirkung: Wir entwickeln verbindliche Regelungen für die gesamte Hamburger Sozialwirtschaft, nicht nur für Mitglieder.
Kooperation statt Konkurrenz: Etwa ein Drittel unserer Ressourcen investieren wir in kooperative Arbeit mit anderen Verbänden, Behörden und zivilgesellschaftlichen Akteuren.
 

Unsere Entwicklungsfelder

Ökologische Nachhaltigkeit: Dies ist unser größtes Entwicklungsfeld. Wir haben keine CO₂-Bilanz, keine systematische Umweltstrategie und ökologische Themen sind weder im Leitbild verankert noch in der Organisationskultur präsent. Mitarbeitende kennen unsere ökologischen Ziele kaum.

Diversität: Trotz unseres sozialen Auftrags sind Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit Behinderung in unserem Team deutlich unterrepräsentiert. Hier brauchen wir konkrete Ziele und eine Diversitätsstrategie.

Wirkungsmessung: Die positiven Rückmeldungen unserer Mitgliedsorganisationen zeigen uns den Wert unserer Arbeit, allerdings sehen wir noch Verbesserungsbedarf in der systematischen Erhebung unserer direkten und indirekten Wirkung. Wie viele Menschen erreichen wir? Welche strukturellen Veränderungen bewirken wir konkret? Diese Fragen können wir derzeit nicht mit Daten beantworten.

Barrierefreiheit: Wir haben bisher nicht systematisch analysiert, welche Barrieren (digital, sprachlich, finanziell, physisch) den Zugang zu unseren Angeboten erschweren.

Formalisierung guter Praxis: Viele unserer ethischen Standards leben wir implizit, haben sie aber nicht schriftlich fixiert – etwa Kriterien für Finanzanlagen, Leitlinien für ethische Kommunikation oder Prozesse zur Korruptionsprävention.


Was wir daraus machen: Von Erkenntnissen zu strategischen Maßnahmen

Die Bilanzierung war kein Selbstzweck, sondern der Ausgangspunkt für gezielte Weiterentwicklung. Nun übersetzen wir die gewonnenen Erkenntnisse in strategische Maßnahmen – wobei wir bewusst auf Qualität statt Quantität setzen.
Statt uns in einem überbordenden Maßnahmenkatalog zu verlieren, konzentrieren wir uns auf die Bereiche, in denen wir die größten Potenziale sehen und die realistisch umsetzbar sind. Dabei orientieren wir uns an drei Leitfragen:

Wo haben wir den größten Hebel? Welche Maßnahmen versprechen die größte Wirkung für das Gemeinwohl – sowohl nach innen in unsere Organisation als auch nach außen in die Gesellschaft?

Was ist realistisch umsetzbar? Welche Veränderungen können wir mit unseren vorhandenen Ressourcen und Kapazitäten tatsächlich umsetzen, ohne uns zu übernehmen?

Wo besteht die größte Dringlichkeit? In welchen Bereichen klafft die größte Lücke zwischen unserem Anspruch als gemeinwohlorientierter Wohlfahrtsverband und der aktuellen Realität?

Diese Priorisierung nehmen wir gemeinsam vor – im Dialog zwischen Verbandsrat, Geschäftsführung, Bereichsleitungen und Mitarbeitenden. Die partizipative Gestaltung des Bilanzierungsprozesses setzen wir auch bei der Umsetzung fort. Denn nachhaltige Veränderung gelingt nur, wenn sie von den Menschen mitgetragen wird, die sie umsetzen sollen.
Die konkreten Maßnahmen werden wir in den kommenden Monaten entwickeln und in unsere strategische Planung integrieren. Dabei werden wir auch definieren, wer verantwortlich ist, welche Ressourcen benötigt werden und wie wir den Fortschritt messen. Nicht alles wird sofort umsetzbar sein – aber wir haben nun einen klaren Kompass, der uns die Richtung weist.
 

Unser Fazit: Ein lohnender Prozess

Die GWÖ-Bilanzierung ist für uns mehr als ein Nachhaltigkeitsbericht. Sie ist ein Organisationsentwicklungsprozess, der uns zum kritischen Hinterfragen gewohnter Praktiken angeregt und blinde Flecken aufgedeckt hat. Die partizipative Gestaltung mit Workshops, Befragungen und offenen Feedback-Formaten hat den Prozess zu einem gemeinsamen Lernprozess gemacht.
Besonders wertvoll war die strukturierte Herangehensweise der GWÖ-Matrix: Sie hat uns gezwungen, systematisch alle Berührungsgruppen und alle Wertedimensionen zu betrachten – auch dort, wo wir uns bisher sicher fühlten. Gerade die Erkenntnisse zu ökologischer Nachhaltigkeit und Diversität waren unbequem, aber notwendig.
Als Wohlfahrtsverband mit sozialem Auftrag nehmen wir für uns in Anspruch, gemeinwohlorientiert zu arbeiten. Die GWÖ-Bilanzierung hat uns gezeigt: Wir sind auf einem guten Weg, aber es gibt noch einiges zu tun. Und genau das ist der Wert dieses Prozesses – nicht eine gute Note, sondern ein ehrlicher Blick auf uns selbst und konkrete Ansatzpunkte für Verbesserung.
Die Bilanzierung wird nun extern auditiert und bis Sommer 2026 veröffentlicht. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Die Umsetzung der Maßnahmen und die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer ganzheitlichen Gemeinwohlorientierung. Denn Nachhaltigkeit ist kein Zustand, sondern ein Prozess.

Jochen Hoepstein, Fachberater für Gemeinwohl