Wohngeld unter Kürzungsdruck - Zur sozialen und finanziellen Situation von Wohngeld-Beziehenden und den Folgen geplanter Leistungskürzungen

Die Bundesregierung plant im Rahmen der Reform des Wohngeldgesetzes erhebliche Leistungskürzungen. Allein im Bundeshaushalt 2027 sollen dadurch die Ausgaben des Bundes um rund 613 Millionen Euro bzw. 25 Prozent sinken. Nach den Berechnungen der Bundesregierung werden infolge der Reform rund 163.000 Haushalte ihren Wohngeldanspruch verlieren und stattdessen auf Leistungen der Grundsicherung angewiesen sein.

Vor dem Hintergrund der geplanten Leistungskürzungen beim Wohngeld legt die Paritätische Forschungsstelle eine Kurzexpertise auf Basis der repräsentativen Erhebung MZ-SILC 2025 vor, die zeigt: wer Wohngeld erhält, wie die Lebenslage wohngeldbeziehender Menschen aussieht und welchen Beitrag das Wohngeld zur Armutsbekämpfung leistet. Die Ergebnisse machen deutlich: Das Wohngeld ist eine unverzichtbare Säule der sozialen Sicherung. Es unterstützt Menschen mit niedrigen Einkommen dabei, ihre Wohnung zu halten, Armut zu vermeiden und unabhängig von der Grundsicherung zu bleiben.

Die wichtigsten Ergebnisse

Das Wohngeld verhindert Armut

  • Das Wohngeld reduziert die Armutsquote in Deutschland spürbar. Ohne Berücksichtigung des Wohngeldes würde die Armutsquote von derzeit 16,1 Prozent auf 16,6 Prozent steigen.
  • Rund 357.000 Menschen werden durch das Wohngeld rechnerisch vor Einkommensarmut bewahrt. Seine armutsmindernde Wirkung zeigt sich in allen Bundesländern.

Das Wohngeld erreicht die richtigen Menschen

  • Rund 2,25 Millionen Menschen, beziehungsweise 2,7 Prozent der Bevölkerung, leben in Haushalten mit Wohngeldbezug.
  • Die Mehrheit lebt von Erwerbseinkommen oder Renten, lediglich 3,8 Prozent sind arbeitslos, rund 22 Prozent sind erwerbstätig, etwa 15 Prozent beziehen eine Altersrente.
  • Das Wohngeld stabilisiert damit insbesondere Haushalte, deren Einkommen trotz Arbeit oder Rente für die hohen Wohnkosten nicht ausreicht.

Das Wohngeld ist vor allem eine Familienleistung

Besonders häufig profitieren Familien vom Wohngeld.

  • Rund 70 Prozent aller Menschen in Wohngeldhaushalten leben in Haushalten mit Kindern.
  • Fast jede zweite Person lebt in Paarfamilien mit Kindern.
  • Weitere 14,5 Prozent leben bei Alleinerziehenden.

Leistungskürzungen würden daher in erster Linie Familien mit Kindern treffen.

Wohngeld-Beziehende leben häufig unter schwierigen finanziellen Bedingungen

Die Analysen zeigen, dass Wohngeld-Beziehende bereits heute nur über äußerst geringe finanzielle Spielräume verfügen.

  • 26,7 Prozent sind materiell und sozial depriviert.
  • 14,2 Prozent sind sogar erheblich depriviert – mehr als doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung.

Viele grundlegende Bedürfnisse bleiben unerfüllt

Die finanzielle Situation zeigt sich auch im Alltag.

  • Mehr als jede fünfte Person kann sich nicht einmal jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten.
  • 71,7 Prozent können keine unerwartete Ausgabe von rund 1.250 Euro finanzieren.
  • 48,9 Prozent können sich keinen einwöchigen Urlaub leisten.

Diese Werte verdeutlichen, dass das Wohngeld vielfach lediglich hilft, existenzielle Wohnkosten zu tragen – nicht jedoch ein Leben ohne finanzielle Einschränkungen ermöglicht.

Forderungen 

Die Ergebnisse der Analyse machen deutlich: Das Wohngeld ist ein zentrales Instrument zur Vermeidung von Armut, Wohnarmut und Wohnungslosigkeit. Leistungskürzungen würden seine sozialpolitische Wirkung erheblich schwächen. 

Die steigenden Ausgaben beim Wohngeld sind nicht die Ursache der Probleme auf dem Wohnungsmarkt, sondern deren Folge. Seit Jahren fehlen hunderttausende bezahlbare Wohnungen. Gleichzeitig sinkt der Bestand an Sozialwohnungen kontinuierlich. Trotz steigender Fördermittel gehen jährlich weiterhin Sozialwohnungen durch das Auslaufen der Bindungen verloren. 

Der Paritätische Gesamtverband fordert deshalb:

  • Rücknahme der geplanten Kürzungen beim Wohngeld.
  • Erhalt des Wohngeldes als eigenständige Leistung zur Vermeidung von Armut und Grundsicherungsbezug.
  • Konsequenter Ausbau des sozialen und gemeinwohlorientierten Wohnungsbestands.
  • Deutlich höhere Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, um den anhaltenden Verlust von Sozialwohnungen zu stoppen.
  • Wirksame Begrenzung überhöhter Mieten sowie konsequente Durchsetzung des Mietrechts.
  • Eine integrierte Strategie gegen Wohnarmut, Wohnungslosigkeit und Einkommensarmut, die Wohnungs- und Sozialpolitik gemeinsam in den Blick nimmt.

Fazit

Das Wohngeld ist weit mehr als ein Zuschuss zu den Wohnkosten. Es ist ein zentrales Instrument sozialer Sicherung und verhindert für Hunderttausende Menschen Armut. Die geplanten Kürzungen treffen ausgerechnet jene Haushalte, die bereits heute unter hohen Wohnkosten und erheblichen materiellen Einschränkungen leiden. Sie verschärfen Wohnarmut, erhöhen den Druck auf die Grundsicherung und verlagern soziale Risiken, anstatt die eigentlichen Ursachen der Wohnungskrise zu bekämpfen. Eine wirksame Strategie gegen Wohnarmut muss deshalb den Erhalt und die Stärkung des Wohngeldes mit einem entschlossenen Ausbau bezahlbaren und gemeinwohlorientierten Wohnraums verbinden.