Wie können soziale Einrichtungen Klimarisiken erfassen, vulnerable Gruppen besser schützen und Anpassungsmaßnahmen erfolgreich umsetzen? Der letzte Vernetzungsworkshop zur Klimaanpassung in Gelsenkirchen und die Exkursion zum „Haus am Park“ in Remscheid lieferten praxisnahe Antworten.
In Kooperation mit dem Paritätischen Landesverband NRW fand am 19. November der letzte Vernetzungsworkshop zu Klimaanpassung in Präsenz statt und zählte rund 40 Teilnehmende. Der Workshop beleuchtete zentrale Herausforderungen und Lösungsansätze für soziale Organisationen, ergänzt durch Beiträge von Landes- und Kommunalebene.
Inhaltlich wurde deutlich, dass das Land Nordrhein-Westfalen dem Bund mit dem Berücksichtigungsgebot in § 6 voraus ist, das die Klimafolgenanpassung als Teil der Daseinsvorsorge verankert. Dennoch bleibt die Zuständigkeit für soziale Organisationen in der klassischen Aufteilung der Zuständigkeiten (Kommune oder KMUs) oft unklar.
Dr. Tobias Kemper, Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen (LANUK), stellte den Klimaatlas NRW vor und anhand dessen die Entwicklung des Klimas in NRW. Kemper machte deutlich: „Wir müssen vor das Ereignis kommen“.
Positive Beispiele lieferte Jens Schmidt, Klimaanpassungs- & Nachhaltigkeitsmanager des Kreis Mettmann, mit zahlreichen Maßnahmen zur Klimaanpassung, u.a. einer Analyse, die zeigt, wo Einrichtungen besonders betroffen sind, einer Karte der kühlen Orte und dem Einsatz von eigenen Entsiegelungs- und Begrünungsmanager*innen.
Risikoanalyse in der ambulanten Pflege
Ein wichtiger Schwerpunkt war die Resilienz von Einrichtungen. Der ASB Regionalverband Bergisch Land e. V. stellte eine interessante Formel zur Erfassung von Klimarisiken in der ambulanten Pflege vor. Bei dem Ansatz kam ein Mixed-Methods-Ansatz zum Einsatz aus einer quantitativen Umfrage unter 32 ASB-Pflegestationen in NRW, einer mathematischen Kritikalitätsbewertung und einer qualitativen Risikoanalyse auf Basis einer systematischen Literaturauswertung nach PRISMA/PRISMA-S. Die Umfrage bewertete den Ausfall von sieben Prozessen und Anlagen. Besonders kritisch waren der Ausfall des Zugangs zu den Kund*innen und der Ausfall der Pflegestation. Weniger kritisch waren Dokumentation, Medikation, Kraftstoffversorgung und Fuhrpark. Der Personalausfall verschärfte sich deutlich nach 24 Stunden. Für die Risikoanalyse wurde ein Überflutungsszenario nach Starkregen angenommen. Das Risiko ergab sich aus Kritikalität und erwarteten Beeinträchtigungen. Abschließend wurde ein operationalisiertes Schutzziel für Leben und Gesundheit formuliert.
Anhand dieser Klimarisikoanalyse können gezielt Maßnahmen implementiert werden. Gegen das Argument, keine Zeit für aufwendige Berechnungen zu haben, wurde entgegnet, dass diese Zeit dann in der Katastrophe benötigt werde. Die Vertreter des ASB merkten noch kritisch an, dass der Katastrophenschutz nicht gut für vulnerable Gruppen ausgestattet sei, was sich beispielsweise in fehlenden Betten bei Evakuierung oder mangelnden mobilen Kindertageseinrichtungen zeige. Teilnehmende merkten an, dass auch die Soziale Arbeit einen Auftrag im Katastrophenschutz benötige.
Klimaanpassung in der Praxis
Zwei Praxisbeispiele, die Kita Merlin und das SOS Kinderdorf Kleve, zeigten mit Vorträgen von Maximilian Speen und Katrin Wißen, welche Klimaschutzmaßnahmen möglich sind, insbesondere wenn Einrichtungen die AnpaSo-Förderung (Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen) des Bundes erhalten.
Die Auswirkungen der Klimakrise auf die menschliche Gesundheit, vor allem von Kindern, wurden von Dr. Dirk Holzinger (Uniklinik Essen, KLUG) beleuchtet. Holzinger betonte, dass der Handabdruck entscheidend für Veränderungen in sozialen Einrichtungen ist, indem man große Lösungen anstrebt, statt sich auf kleine Maßnahmen zu beschränken. Die Verantwortung dafür sei sogar in der Berufsordnung von Ärzt*innen verankert. Abschließend führte Janina Yeung (Der Paritätische Gesamtverband) in die Betroffenheitsanalyse und Vulnerabilitätsprüfung ein und gab den Teilnehmenden praktische Klimaanpassungsmaßnahmen mit.
Exkursion zum Haus am Park
Am folgenden Tag machte eine kleinere Gruppe eine Exkursion zum Haus am Park in Remscheid. Diese Pflegeeinrichtung hatte mit DAS-Förderung ein Klimaanpassungskonzept erstellt und im Neubau zahlreiche Maßnahmen umgesetzt. Einrichtungsleiter Bernd Karthaus stellte die Herausforderungen vor, darunter die Hanglage und Starkregen. Er setzte sich gegen Planungen für eine starke Versiegelung durch und gestaltete die Außenanlagen mit einem Garten-Landschaftsbauer persönlich mit Maßnahmen wie Entsiegelung (z.B. durch Rasengittersteine), heimischen Pflanzen und Wildblumen (z.B. Sanddorn, Sumpfeiche), Hochbeeten und einem begrüntem Dach. Im Gebäude schützen Beschattungen an Fenstern und ein Frühwarnsystem vor Hitze. Letzteres löst in den Pflegestationen sofort Maßnahmen aus, wie das Bereitstellen von mehr Flüssigkeit, das Anbieten von anderem Essen oder angepasste Therapiezeiten. Zukünftig ist die Begrünung von Teilen der Fassaden, wie dem Treppenturm, geplant.
Die Veranstaltung und die Exkursion machten deutlich: Klimaanpassung ist komplex – aber machbar, wenn Fachwissen, Praxisnähe und politischer Rahmen zusammenwirken. Für soziale Organisationen ergeben sich daraus wichtige Impulse, um die eigenen Einrichtungen resilienter und zukunftsfähiger zu gestalten.
