Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) hat im März 2026 eine neue Kurzinformation zur Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund veröffentlicht. Sie zeigt: Zugewanderte sind in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft im Schnitt gesünder als die übrige Bevölkerung – doch dieser Vorteil kehrt sich mit zunehmendem Alter ins Gegenteil um. Diskriminierungserfahrungen im Gesundheitswesen verschärfen die Ungleichheit zusätzlich und führen dazu, dass Betroffene medizinische Leistungen seltener in Anspruch nehmen.
Der Healthy-Migrant-Effekt und sein Verschwinden
Zugewanderte sind in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft häufig gesünder als die Bevölkerung im Aufnahmeland – trotz einer oft schlechteren sozioökonomischen Ausgangslage. Dieses Phänomen wird als Healthy-Migrant-Effekt bezeichnet. Als mögliche Erklärungen gelten Selektionsmechanismen: Gesundäere Menschen wandern häufiger aus, da ihnen am ehesten zugetraut wird, die Herausforderungen der Einwanderung zu bewältigen und erfolgreich Arbeit aufzunehmen.
Auswertungen des SVR-Integrationsbarometers 2024 bestätigen diesen Befund für Deutschland: 38 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund schätzen ihren Gesundheitszustand als „sehr gut“ ein, gegenüber nur 29 Prozent ohne Migrationshintergrund. Bei Personen, die erst bis zu fünf Jahre in Deutschland leben, berichten sogar rund 79 Prozent von einer sehr guten oder guten Gesundheit – verglichen mit 66 Prozent bei denjenigen ohne Migrationsgeschichte. Dieser anfängliche Gesundheitsvorteil schwindet mit zunehmender Aufenthaltsdauer. Bei Menschen mit Migrationshintergrund über 65 Jahren dreht sich das Bild um: Hier berichten nur 12 Prozent von einem sehr guten Gesundheitszustand, gegenüber 18 Prozent in der Vergleichsgruppe ohne Migrationsgeschichte.
Ursachen: Soziale Ungleichheit und migrationsspezifische Faktoren
Der schlechtere Gesundheitszustand im Alter lässt sich nicht allein durch demografische Unterschiede erklären. Die SVR-Kurzinformation nennt mehrere sich verstärkende Faktoren:
- Soziale Lage: Armut, belastende Arbeitsbedingungen und ein im Schnitt niedrigeres Bildungsniveau erhöhen das gesundheitliche Risiko dauerhaft. Gesundheitliche Nachteile sind häufig sozioökonomisch bedingt – nicht primär durch den Migrationsstatus an sich.
- Migrationsspezifische Faktoren: Sprach- und Kommunikationsbarrieren, Diskriminierung sowie eingeschränkte Gesundheitskompetenz erschweren den chancengleichen Zugang zur medizinischen Versorgung.
- Geringere Inanspruchnahme: Präventionsangebote wie Früherkennungsuntersuchungen, Gesundheitschecks oder Impfungen werden von Menschen mit Migrationsgeschichte seltener genutzt als vom Rest der Bevölkerung.
- Lebensstilanpassung: Langfristig passen sich Ernährungs- und Verhaltensgewohnheiten an das Einwanderungsland an, was häufig mit einer ungesünderen Lebensweise einhergeht.
Diskriminierung im Gesundheitswesen und ihre Folgen
Insgesamt berichten rund 8 Prozent aller Befragten mit Migrationshintergrund von Benachteiligungen im Gesundheitswesen aufgrund ihrer Herkunft. Unter denjenigen, die generell Diskriminierung erlebt haben, gibt sogar mehr als jede fünfte Person (21 %) an, dies auch im Gesundheitsbereich erfahren zu haben. Besonders betroffen sind Menschen, die nach eigener Einschätzung von anderen als Personen mit ausländischen Wurzeln wahrgenommen werden – etwa aufgrund von Aussehen, Akzent oder Name. Diese Gruppe berichtet mit rund 10 Prozent deutlich häufiger von Diskriminierung als jene, auf die dies nicht zutrifft (4 %). Diskriminierungserfahrungen haben direkte Konsequenzen: 43 Prozent der Betroffenen geben an, den Gesundheitsbereich aus Angst vor weiterer Benachteiligung zu meiden. Bei Personen ohne solche Erfahrungen liegt dieser Anteil bei nur rund 3 Prozent.
Handlungsempfehlungen des SVR
- Gesundheitseinrichtungen und -Träger sollten ihre Regelversorgung diversitätssensibel ausrichten, indem sie Prozesse und Organisationsentwicklung anpassen.
- Public-Health-Akteur*innen sollten die Gesundheitskompetenz in der Gesamtbevölkerung und bei Zugewanderten stärken – durch verständliche, mehrsprachige und diversitätssensible Gesundheitsinformationen.
- Der Gesetzgeber sollte Sprachmittlung im SGB V verankern und finanzieren sowie Qualitätsstandards für deren Einsatz entwickeln.
- Im Medizinstudium und in der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe sollte auf geschlechter- und diversitätsbezogene Unterschiede eingegangen werden.
- Mehr Forschung zu Diskriminierung im Gesundheitswesen ist notwendig, um geeignete Gegenmaßnahmen zu entwickeln.
Die Ergebnisse des SVR zeigen, dass Gesundheitsungleichheiten bei Menschen mit Migrationshintergrund kein unveränderliches Schicksal sind. Sie entstehen und verfestigen sich im Zusammenspiel von sozialer Lage, strukturellen Barrieren und Diskriminierungserfahrungen – und können durch gezielte Maßnahmen verringert werden. Für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Beratungsstellen und Träger ist dies ein wichtiges Signal: Interkulturelle / diversitätssensible Begleitung beim Zugang zu Gesundheitsleistungen, der Abbau von Sprachbarrieren sowie die aktive Auseinandersetzung mit Diskriminierung sind zentrale Bestandteile eines wirksamen Unterstützungsangebots.