Anlässlich der Ausschussanhörung zum 7. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales am 23. März 2026, bewertete der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Dr. Joachim Rock, den Bericht:
Der 7. Armuts- und Reichtumsbericht bietet eine umfassende Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland. Die Bundesregierung ist auf dieser Grundlage gefordert, endlich ein übergreifendes Maßnahmepaket zur Bekämpfung und Überwindung von Armut aufzusetzen. Es reicht nicht, soziale Probleme zu beschreiben. Wir brauchen unverzüglich konkrete Maßnahmen, um den gewachsenen Armutsrisiken und der sozialen Spaltung entgegenzuwirken.
Dr. Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes
Dr. Joachim Rock vertritt den Paritätischen als Sachverständiger in der Bundestagsanhörung. Eine umfassende Stellungnahme des Paritätischen ist dieser Fachinfo als Stellungnahme beigefügt.
Grundsätzlich begrüßt der Paritätische Gesamtverband den Siebten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung als wichtige Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland. Zugleich stellt der Paritätische fest, dass ein zentraler Mangel bestehen bleibt: Es fehlt eine konsequente, politisch verbindliche Strategie zur Bekämpfung von Armut. Die Bundesregierung beschränkt sich weitgehend auf die Beschreibung sozialer Ungleichheit, ohne daraus ausreichende politische Maßnahmen abzuleiten. Damit bleibt der Bericht hinter seinem eigenen Anspruch zurück. Die vorliegenden Daten bestätigen eine anhaltend hohe und zuletzt weiter gestiegene Armutsquote sowie eine strukturelle Verfestigung sozialer Ungleichheit. Besonders betroffen sind Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit Migrationshintergrund. Erwerbsarbeit schützt immer häufiger nicht vor Armut, während Niedriglohnbeschäftigung und reale Einkommensverluste zunehmen.
Gleichzeitig verschärfen steigende Lebenshaltungskosten die Situation einkommensarmer Haushalte erheblich und führen zu Einschränkungen bei der sozialen Teilhabe. Wir sehen darüber hinaus eine erhebliche Schieflage in der Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie fortbestehende Ungleichheiten, etwa zwischen den Geschlechtern. Besonders alarmierend ist die dynamische Zunahme der Altersarmut, die für viele Betroffene zu einer dauerhaften Lebenslage wird. Zudem zeigt sich, dass soziale Risiken und belastende Lebensereignisse systematisch mit niedrigen Einkommen korrelieren. Gleichzeitig bleibt die politische Beteiligung armutsbetroffener Menschen unzureichend berücksichtigt, was die Gefahr einer weiteren Erosion demokratischer Teilhabe birgt.
Der Paritätische begrüßt, dass der Bericht wichtige Schwerpunkte setzt, etwa bei der Analyse der Nicht-Inanspruchnahme von Sozialleistungen und der sozialen Dimension von Klimapolitik. Diese Erkenntnisse müssen jedoch konsequent in politisches Handeln überführt werden. Dazu gehören insbesondere der Abbau bürokratischer Hürden, eine niedrigschwellige Ausgestaltung sozialer Leistungen sowie eine sozial gerechte Gestaltung der ökologischen Transformation. Es ist nicht hinnehmbar, dass Perspektiven von armutsbetroffenen Menschen und der Freien Wohlfahrtspflege weiterhin nicht systematisch einbezogen werden.
Wir fordern daher eine grundlegende Neuausrichtung der Sozialpolitik: eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen, armutsfeste und verlässliche Sicherungssysteme sowie massive Investitionen in soziale Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Wohnen. Arbeitsmarktpolitik muss stärker auf nachhaltige Qualifizierung ausgerichtet werden, statt kurzfristige Vermittlung in prekäre Beschäftigung zu priorisieren. Armut ist kein unvermeidbares Schicksal, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen – und kann durch entschlossenes politisches Handeln überwunden werden.
