„Einfach nur mega!“: Fallschirmspringen für Menschen mit Behinderung

Vier Menschen vor ihrem ersten FallschirmsprungBei herrlichstem Wetter kommen Mitte August gut 30 Menschen mit Behinderung zusammen, um etwas zu tun, was viele ihnen nicht zutrauen oder prinzipiell für unmöglich halten. Sie werden mit einem Fallschirm aus 4.000 Metern Höhe springen (es gibt auch einen kleinen Film dazu). Die Fallschirmspringer*innen des Yuu Skydive e.V. und der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband Hamburg ermöglichen mit Fly Barrierefrei: Inklusives Tandemspringen blinden Menschen, Menschen mit geistigen und anderen körperlichen Einschränkungen und Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, ein unvergessliches Erlebnis. Finanziell gefördert wird das Event von der Aktion Mensch.

Vorfreude und Nervosität sind bei allen Teilnehmenden groß. Nico Böttner musste erst eine Nacht drüber schlafen, bevor er sich angemeldet hat. Der 24-Jährige mit mehreren kleineren körperlichen Einschränkungen entschied aber:  „So eine Chance kommt nie wieder.“ An diesem Morgen ist er dann doch sehr nervös. Seine Mutter begleitet ihn auf den Flugplatz in Hohenlockstedt.  „Ich bin selbst schon einmal gesprungen und freue mich sehr, dass mein Sohn nun auch die Möglichkeit hat. Danke, dass es dieses Event gibt.“

Tjark und sein Tandemmaster bei den Vorbereitungen für den Sprung„Die meisten Menschen mit Behinderung trauen sich einen Fallschirmsprung nicht zu oder können es sich nicht leisten. Das wollten wir ändern und ihnen eine Erfahrung für das Leben bieten mit dem Gedanken: Wenn ich aus einen Flugzeug springen kann, dann kann ich alles schaffen“, sagt Robbie van Keeken, der Cheftandempilot mit mehr als 8000 Sprüngen. Zahlreiche ehrenamtliche Aktive des Vereins sind heute auf dem Flugplatz, um den reibungslosen Ablauf dieses besonderen Ereignisses zu ermöglichen.

Tjark Dobrowolski ist vor Vorfreude ganz aus dem Häuschen und kann gar nicht stillsitzen. Wie gut, dass der blinde 20-Jährige gleich beim ersten Sprung dabei ist. Kurz nach 9 Uhr geht es richtig los. Die ersten Springer ziehen sich Sprunganzüge und Gurte über und erhalten ihre Einweisung. Chris, Flip, Jan und die anderen Tandemmaster springen leidenschaftlich gerne und lieben es, dieses Erlebnis mit anderen zu teilen. Alle Tandemmaster haben Dashcams am Handgelenk, so dass der Sprung für jeden einzelnen in gut 200 Fotos festgehalten wird. Daumen hoch, in die Kamera kucken, gleich geht es los.

Die kleine Propellermaschine ist bis auf den letzten Platz mit Fallschirmspringer*innen besetzt. Jeder die Springer steigen in das Flugzeug einFallschirmneuling hat seinen*ihren Tandemaster auf Tuchfühlung hinter sich. Etwa zehn Minuten dauert der Flug bis zu einer Höhe von 4.000 Metern. Die Tandemmaster lachen, die Gäste halten sich tapfer, schauen still aus dem Fenster und versuchen, ihrer Nervosität Herr zu werden. Die 21-jährige blinde und körperbehinderte Damla sitzt ganz still auf der Bank.

Dann geht alles recht schnell. Die Tandemmaster ziehen die Gurte fester, klicken sich mit ihrem Sprunggast zusammen, das Rolltor wird geöffnet, kalte Luft strömt herein, die ersten rutschen nach vorne, die Füße hängen schon aus dem Flieger heraus, nun noch Kopf in den Nacken und schon fällt ein Pärchen nach dem anderen aus dem Flugzeug, trudelt kurz, fängt sich schnell und dann – 50 Sekunden freier Fall! Manche schreien, andere genießen still, wieder ein Tandem im freien Fall, Himmel im HIntergrundandere kommen aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Auf etwa 1.500 Metern Höhe zieht der Tandemmaster die Reißleine, es ruckelt und wackelt, und für die nächsten gut fünf Minuten heißt es schweben, Kurven fliegen, andere Springer in der Luft und den Flugplatz auf dem Boden entdecken.

Zur Landung müssen die Gäste ihre Beine anheben, damit das Duo auf dem Hintern des Tandemmasters landen kann. Manche hinterlassen eine kleine Bremsspur auf dem Rasen. Die Zuschauer*innen applaudieren, die Tandemgäste sind happy.
„Das war so mega! Das hat so viel Spaß gemacht“, ein Tandem einen Meter vor der Landungsagt Damla Reyhan, nun deutlich weniger schüchtern als noch vor dem Sprung.
„Das war mega! Ich will nochmal! Entweder als Geschenk oder ich spare das von meinem Geld.“ Tjark strahlt glückseelig.
„Das war megageil! Das macht tierischen Spaß“, sagt Sebastian Schulz aus Lübeck. Sein Ziel war es, sein Selbstbewusstsein ein bisschen zu steigern. Hat das geklappt? „Auf jeden Fall!“ Er kommt aus dem Strahlen und Lächeln gar nicht mehr raus.
Auch Nico Böttner grinst und sagt: „Das würde ich gerne wieder machen.“ Seine Mutter schickt stolz ein Foto der Sprungurkunde an die Familiengruppe.

Nico Böttner und sein Tandemmaster nach der Sprung„Manche Grenzen sind nicht leicht zu überwinden, z.B. aus 4.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug zu springen. So hoch oben spielt es keine Rolle, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht, da sind alle gleich und haben Angst – und freuen sich wahnsinnig, wenn sie das geschafft haben“, sagt die Geschäftsführerin des PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverbandes Hamburg, Kristin Alheit, die vor einiger Zeit selbst ihren ersten Tandemsprung gemacht hat.

Mehrere Menschen mit Multipler Sklerose, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, sind auch dabei. Wenn sie die Beine eigenständig anheben können, spricht nichts gegen einen Tandemsprung. Deshalb macht auch Daniela Möller mit. „Das Angebot Tandem zu springen, ist genial.“ Die 43-Jährige ist seit 13 Jahren wegen ihrer MS berentet, lebt in einem Wohnprojekt für Menschen mit chronischer Erkrankung.Daniela Möller und andere im Flugzeug kurz vor dem Sprung „Viele denken, mit einer Behinderung kann man so vieles nicht. Doch mit der richtigen Hilfe, dem richtigen Umfeld schafft man sehr viel.“ Sie findet Fly Barrierefrei so toll, weil so „andere Behinderte sehen können, was alles möglich ist. Gerade wer recht neu auf einen Rollstuhl angewiesen ist, denkt oft, dass vieles nicht geht.“

Im Rollstuhl wird sie an den Flieger gefahren, kräftige Arme helfen ihr beim Einsteigen. Beim Absprung hat sie zunächst die Augen zu und konzentriert sich auf ihre Atmung. An ihre Beine denkt sie nicht. Und auch ihr Tandemmaster Robbie merkt im Sprung nicht, dass sie eine Behinderung hat.

ein Tandem in der Luft, von unten, über ihnen der Stabilisierungsschirm

„Sie hat das prima gemacht, sich schön durchgebogen, und Spaß gehabt, das ist eh das wichtigste“, sagt er nach ihrer Landung. „Es war geil!“ Daniela sitzt auf dem Rasen und lacht. „So viel kann ich jetzt gar nicht sagen, es war einfach geil“, sagt sie, die normalerweise in ihrem Redefluss kaum zu stoppen ist. Es hat ihr ein wenig die Sprache verschlagen, nicht aber ihr fröhliches Lachen, das in den nächsten Minuten noch sehr oft zu hören ist.

Blindenstock, Assistenzhund, Rollstuhl, Begleitperson, Fahrdienst – egal mit welcher Unterstützung sie angereist waren, gelandet sind sie alle mit einem strahlenden Lächeln und bester Laune. Der erste Fallschirmsprung ihres Lebens, ein unvergessliches Erlebnis.

Logo der Aktion MenschWir danken ganz besonders den Aktiven des Vereins Yuu Skydive (für Idee und perfekte Durchführung), Leben mit Behinderung (für den Fahrdienst) und der Aktion Mensch (für die Finanzierung), sowie allen weiteren Unterstützern.

 

Fortbildungen

Die PARITÄTISCHE Akademie Nord bietet Fortbildungen für

Pflegefachkräfte,
Erzieher/-innen,
Sozialpädagoginnen und -pädagogen,
Führungskräfte,
Personalverantwortliche,
Kita-Leitungen,
Fachkräfte der psychiatrischen Arbeit und v.m.

aus vielen Bereichen der Sozialen Arbeit, zum Beispiel der Altenhilfe, Behindertenhilfe, Hilfe für Geflüchtete, Kinder- und Jugendhilfe.