08.10.2021

Schlaglicht: Quo vadis, Außengelände Kita?

In sich immer stärker verdichtenden Sozialräumen wird die Herausforderung, Räume und Orte für Kinder zu schaffen, immer größer. Neue Kitas entstehen zwischen Hauptstraßen und inmitten der Wohnviertel in alten Bankfilialen, Supermärkten oder Einzelhandelsflächen. Der Kreativität der Architekt*innen und Planer*innen sind keine Grenzen gesetzt, was gute Lösungen angeht, um Innenräume für Kinder zu bauen, die nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet sind.

Schwieriger wird es da schon mit der Außenfläche. Nicht, weil es an Ideen mangelt. Allein der Platz ist begrenzt und oft scheitert die Genehmigungsfähigkeit der Kita an der begrenzten Außenfläche, weil die notwendigen Quadratmeter nicht vorgehalten werden können. Der Traum ist dann aus, wenn die Kinder nicht auf Spielplatzflächen ausweichen können. Wir brauchen diese Möglichkeit der Spielplatznutzung insbesondere für Elementarkinder, um überhaupt noch Kitas in den zentralen Stadtteilen bauen zu können. Aber auch der Platz auf den Spielplätzen in den zentralen Hamburger Wohnvierteln ist mittlerweile arg begrenzt. Immer mehr Kitas müssen sich denselben Spielplatz teilen und die Bezirke können die Nutzung der Spielplatzflächen nicht exklusiv vergeben. Aber ist das überhaupt notwendig?

Was brauchen Kinder, um sich motorisch und in der Folge auch kognitiv günstig entwickeln zu können? Und wie können die Kinder in der Stadt wahrgenommen werden, wenn sie sich tagsüber nur noch in der sicheren Kita oder als konzentrierte, abgeschirmte Masse auf Spielplätzen aufhalten?

Wir bauen verkehrsberuhigte Zonen, wir schaffen Platz für die Radfahrer*innen, wir schaffen Orte, wo Erwachsene sich treffen können, um Kaffee zu trinken, wir schaffen neuen Wohnraum, der urban, chic und modern den Bedürfnissen der Erwachsenen entspricht.

Kinder nehmen wir vormittags nur noch wahr, wie sie im Gänsemarsch in Reih und Glied von der Kita zum Spielplatz und wieder zurück laufen. Sie können sich oft nicht frei und offen durch ihren Sozialraum bewegen – so selbstverständlich, wie Erwachsene das tun. Ihnen könnte was passieren. Doch wie müsste eine Stadt aussehen, in der Kindern nichts passiert? In der sie ausreichend Bewegungsanlässe vorfinden und herausgefordert werden, sich in ihrer Geschicklichkeit zu üben und Risiken einzuschätzen, ohne dabei (verkehrsbedingten) Gefahren ausgesetzt zu sein? Wie ist es bestellt um die Zugänglichkeit des Öffentlichen Raums für Kinder?

Öffentliche Plätze, Fußgängerwege, Beete, Zäume, Nischen und Zwischenräume können attraktiver werden, indem sie bunt und abwechslungsreich gestaltet werden und vielfältigere Materialien als Pflastersteine, Gehwegplatten und Teer verwendet werden. Kinder nutzen Wege – anders als Erwachsene – eben oft nicht, um zielgerichtet von A nach B zu kommen. Ihr natürlicher Bewegungsmodus ist zu laufen, statt zu gehen. Jede Gelegenheit wird genutzt, um irgendwo entlang zu klettern, zu balancieren oder zu toben. Meistens braucht es dafür keine vom TÜV zertifizierten Spielgeräte. Es genügt ein Baumstamm, ein krummer Gehweg, große Steine, die im Weg stehen, oder farblich unterschiedlich gestalteter Untergrund, ein Springbrunnen oder Wasserlauf, um der Kreativität freien Lauf zu lassen.

Ebenso ist Potential da, wenn aus ehemaligen Straßen Fahrradstraßen werden oder wenn öffentliche Plätze umgestaltet werden, diese Strecken und Orte nicht nur als Verkehrsachsen zu denken, sondern kinderfreundliche Räume zu entwerfen. Wieso gehört es nicht zu unserem Selbstverständnis, dass Kinder bei der Umgestaltung dieser Orte mit einbezogen werden?

Dass es anders gehen kann, zeigt u.a. das Programm „Kinderfreundliche Kommune“. Denn nichts anderes als die Verwirklichung der Kinderrechte steckt dahinter, wenn Kinder an der Planung der Städte beteiligt werden. Stuttgart ist jüngst im Rahmen dieses Projektes ausgezeichnet worden, viele weitere gute Beispiele partizipativer Planungsprozesse können auf der Internetseite des Projektes nachgelesen werden. Und so ist nicht weiter verwunderlich, dass das Dach des Projektes die internationale Child Friendly Cities Initiative (CFCI) von UNICEF bildet, eine Initiative, die u.a. aus der UN Kinderrechtskonvention heraus entwickelt wurde.

Einer weltoffenen Metropole wie Hamburg stünde es nicht nur gut zu Gesicht, Teil solcher Projekte zu sein und somit aktiv einen weiteren Beitrag für die Verwirklichung von Kinderrechten zu zeigen. Gleichermaßen bestünde eine Chance, die Genehmigungsfähigkeit neuer Kitas im urbanen Raum neu zu denken, wenn das Problem in einem größeren Kontext gesehen würde: Nicht mehr nur die definierte Außenfläche einer Kita wird als Spielzone betrachtet, der Sozialraum der Kinder und die direkte Nachbarschaft der Kita kann zu ihrer Außenfläche werden, wenn die Umgebung entsprechend gestaltet worden ist.
Löbliche Nebeneffekte, wie eine bessere CO2-Bilanz durch weniger Autoverkehr und mehr Grün auf den Straßen sowie eine höhere Attraktivität des öffentlichen Raums, der dadurch auch von anderen Erwachsenen (anders und neu) genutzt werden kann, sind nicht nur hervorzuheben – sie machen deutlich, was der Öffentliche Raum und seine Wege und Plätze noch mehr sein müssen: kostenlose und frei zugängliche Flächen, die im besten Sinne lustvoll und kreativ von Menschen genutzt werden, anstatt dass sie maßgeblich infrastrukturelle Zwecke erfüllen.

Was es in diesem Zusammenhang braucht, ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Verwaltung, Politik, Verbänden, Trägern und Initiativen und den Menschen in den einzelnen Vierteln und Quartieren. Die Lösung, wie die Interessen der einzelnen Nutzer*innen zusammengebracht werden können, liegt nicht auf der Hand, sie muss individuell für jedes Viertel auf Grundlage der jeweils vorhandenen Strukturen und Bedürfnisse der Menschen erarbeitet werden. Es braucht breit angelegte Beteiligungsprozesse statt einzeln abgeschirmte Entscheidungen auf der Grundlage einzelner Verwaltungsbestimmungen und Verordnungen. Praxisbeispiele und Inspiration lassen sich z.B. auch beim Bundesverband für Freiraumgestaltung e.V. oder den Montag Stiftungen finden, denn das Thema der integrierten Stadtentwicklung ist ja nicht neu.

Dort, wo ausreichend Platz vorhanden ist, z.B. im Rahmen größerer Bauprojekte, sind auch in Hamburg bereits erfolgreich neue Quartiere mit ausreichenden Kita- und Spielflächen geplant und gebaut worden. Problematisch sind die hoch verdichteten Sozialräume, in denen kaum noch Baulücken auszumachen sind, denn dort muss im Bestand neu gedacht werden. Für diese Viertel wären mehr autofreie Zonen ein wichtiger Schritt, um urbanes Wohnen in seiner Attraktivität zu erhalten, bzw. zu erhöhen.

Wenn der Geldbeutel gerade für Menschen mit Kindern schon nur noch für wenige Quadratmeter Wohnraum reicht, bzw. immer mehr Geld für ausreichend Wohnraum investiert werden muss, so sollte dieser Umstand mindestens dadurch kompensiert werden, dass das Leben vor der Tür für Erwachsene und Kinder attraktiv bleibt, damit insbesondere die Familien sich nicht genötigt sehen, auf das urbane Leben verzichten zu müssen. Sollen sie den Vierteln erhalten bleiben, ist es an der Zeit, die Kinder an der Gestaltung und Planung des Öffentlichen Raums nicht nur beispielhaft, sondern verpflichtend einzubeziehen und zu beteiligen, damit dieser Raum lebenswert und interessant bleibt und so eine konstante und lebendige Nutzung erfährt. Wir Erwachsenen jedenfalls tun dies scheinbar noch nicht gut genug oder stehen uns selbst im Weg, wenn wir Kitas nicht mehr genehmigt bekommen, weil den Kindern zu wenig Außenspielfläche zur Verfügung steht.

von Jan Gloystein, Bereichsleiter Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung


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