17.12.2019

Schlaglicht: Fachkräftemangel in Hamburger Kitas und Schulen

oder: Überraschende Zahlen zu angewählten Ausbildungsberufen und ärgerliche Entwicklungen, die dies konterkarieren

Die Entwicklung und Inanspruchnahme der Hamburger Kindertagesbetreuung in Krippen, Kitas oder im schulischen Ganztag kennt weiterhin nur eine Richtung: Steil nach oben!

Dies betrifft sowohl die steigende Zahl von Kitas (inzwischen über 1.100), vor allem aber weiter wachsende Kinderzahlen sowie eine längere Inanspruchnahme der verschiedenen Betreuungsangebote und -formate. Zeitgleich zu dieser „Erfolgsgeschichte“ kommt die Verbesserungen der Fachkraft-Kind-Quoten in Krippe und Elementar, die in der Summe beider Effekte viele weitere Fachkräfte zwingend notwendig machen.

Nicht zu Unrecht machen sich deshalb zunehmend mehr Personalverantwortliche bei Hamburger Trägern – aber auch in Politik und Verwaltung – Gedanken, wie dieser deutlich gestiegenen Nachfrage nach Fachkräften begegnet werden kann.

Just in diese Situation hinein erreicht uns eine schier unglaubliche Nachricht:
Die meist angewählte Ausbildung 2019 war nicht etwa die zum Kfz-Mechatroniker oder für Kaufleute für Büromanagement (immerhin Platz 2 mit 677 Anfänger*innen) sondern mit großem Abstand die Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistenz (SPA).

SPA ist beliebtester Ausbildungsberuf

Mit insgesamt 1.140 Ausbildungs-Anfänger*innen landet die SPA-Ausbildung mit riesigem Abstand auf Platz 1 der meist gewählten Ausbildungsberufe in Hamburg. Dies entspricht einer Verdoppelung der Ausbildungszahlen innerhalb von nur drei Jahren.

Insgesamt werden in diesem Schuljahr 5.771 Fachschüler*innen zu Erzieher*innen, Heiler-ziehungspfleger*innen oder in der Sozialpädagogischen Assistenz (SPA) ausgebildet. Auch diese Zahlen liegen deutlich über dem Vorjahr und um 1.120 Auszubildende höher als beispielsweise 2015.

Noch positiver fällt der Blick auf angehende Erzieher*innen aus. Hier starteten in diesem Jahr sogar 1.215 Personen in die Aus- bzw. Weiterbildung. Formal sprechen die Statistiken hier aber nicht von einem Ausbildungs- sondern von einem Weiterbildungsberuf.

Und die Prognosen sind weiter optimistisch. So geht die zuständige Behörde für Schule und Berufsbildung auch für die kommenden fünf Jahre von weiter deutlich steigenden Ausbildungszahlen – um mehr als 20% – aus.

Zahlreiche Veränderungen rund um die Ausbildung haben diesen Trendwechsel möglich gemacht. Attraktive(re) Einstiegsmöglichkeiten für Absolvent*innen mit einem Abitur oder dem erweiterten Hauptschulabschluss, eine größere Durchlässigkeit und nicht zuletzt viele verschiedene Ausbildungsformate haben in ihrem Maßnahmenmix diese Entwicklung unterstützt.

Um allen neuen Bewerber*innen die gewünschte Ausbildung überhaupt ermöglichen zu können, haben auch die Hamburger Fachschulen einen erheblichen Kraftakt gemeistert: Zusätzliche Schulungsräume waren anzumieten und fast 100 zusätzliche Lehrkräfte einzustellen.

Ein wesentlicher Entwicklungsschritt ist aber sicher auch die finanzielle Unabhängigkeit während der langen Fachschulausbildung. Selbstverständliche Zugänge zum BAFöG bzw. dem sog. Aufstiegs-BAFöG („Meister“-BAFöG) oder die Option der berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildung haben uns faktisch den Vorteilen der „Dualen Ausbildung“ von Handel und Handwerk ein gutes Stück näher gebracht.

Die wesentlichen Zugänge bzw. Anpassungen kurz zusammengefasst

Im Bereich Sozialpädagogische Assistenz (SPA)

  • Interessierte mit erweitertem ersten allgemeinbildenden Schulabschluss (eESA nach Abschluss von Klasse 10) sind für die SPA-Ausbildung (SPA-ESA) an der Berufsfachschule zugelassen. Ihre Ausbildung ist um ein Probehalbjahr von sechs Monaten erweitert.  Zusätzlich gibt es gezielte Förderangebote.
  • Keine Notenschwelle mehr am Übergang von der SPA-Ausbildung in die verkürzte zweijährige Erzieherausbildung.


Im Bereich Erzieher*innen-Ausbildung

  • Für Abiturient*innen: Das Praktikum als Zulassungsvoraussetzung in die dreijährige Ausbildung ist von bislang einem Jahr auf vier Monate verkürzt.
  •  Für Absolventen des Beruflichen Gymnasiums „Pädagogik und Psychologie“ und der Fachoberschule „Sozialpädagogik“: Direkter Einstieg in die verkürzte zweijährige Erzieher*innen-Ausbildung.
  • Ausbau der Praxisplätze für die berufsbegleitende Erzieher*innen-Ausbildung in Kooperation mit Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
  • Neueröffnung einer staatlichen Fachschule für Heilerziehungspflege (mit Möglichkeit zur berufsbegleitenden Ausbildung)
  • erweiterte Umschulungsmöglichkeiten für angehende Erzieher*innen


Arbeitnehmer-Arbeitsmarkt

Sollte damit alles in bester Ordnung sein? Hamburger Träger wissen, dass die Lage am Arbeitsmarkt trotz der eingangs beschriebenen positiven Entwicklung weiter hoch angespannt ist. Dies liegt zum einen daran, dass 5.771 Auszubildende eben (noch) keine 5.771 ausgebildeten und idealerweise berufserfahrenen Fachkräfte auf dem angespannten Arbeitsmarkt sind. Zum anderen liegt es an den entfesselten Marktmechanismen des Kita-Gutschein-Systems, dass wir noch weit von einer Entspannung des Arbeitsmarktes entfernt sind. Fachleute sprechen deshalb auch bewusst von einem „Arbeitnehmer-Arbeitsmarkt“. Diese Situation betrifft grundsätzlich alle Hamburger Träger.


Wenn die Marktmacht ausgenutzt wird

Mit großer Sorge betrachtet der PARITÄTISCHE Hamburg aber die sich daraus ableitende Tendenz zur Konzentration auf große Träger und/oder Trägerzusammenschlüsse. Die im SGB VIII gewollte Pluralität und Vielfalt des Angebots wird durch diese Konzentrationsprozesse eindeutig erschwert – mittel- und langfristig sogar in Frage gestellt.

Wenn dann der größte und dazu kommunale Träger Hamburgs, die Elbkinder, seine Marktmacht (rd. 30% Marktanteil) dazu nutzt, den Arbeitsmarkt präventiv leerzuräumen, ist dies zwar formal nicht angreifbar, konterkariert aber die oben beschrieben Anstrengungen der FHH als Mutter dieses Tochterunternehmens.
Für kleinere Wettbewerber (und deren Mitarbeitende) ist es kaum nachvollziehbar und einfach nur ärgerlich, wenn die Elbkinder jetzt schon mit (den zukünftigen!) Fachkraft-Kind-Schlüsseln von 1:4 bzw. 1:10 und dem besten Tarifvertrag „locken“.

ngreifbar – im Sinne verletzter Subsidiarität – ist aber der Ausbau dieses bereits jetzt größten kommunalen Kita-Anbieters an Orten und in Hamburger Quartieren, die jeder Freie Kita-Träger ebenso gut und/oder besser  betreiben könnte.

Die Frage, warum also ausgerechnet der städtische Träger mitten in der HafenCity eine weitere große Kita in Betrieb genommen hat, wird deshalb Gegenstand einer Befassung in der Vertragskommission Kita sein.


Fortbildungen

Die PARITÄTISCHE Akademie Nord bietet Fortbildungen für

Pflegefachkräfte,
Erzieher/-innen,
Sozialpädagoginnen und -pädagogen,
Führungskräfte,
Personalverantwortliche,
Kita-Leitungen,
Fachkräfte der psychiatrischen Arbeit und v.m.

aus vielen Bereichen der Sozialen Arbeit, zum Beispiel der Altenhilfe, Behindertenhilfe, Hilfe für Geflüchtete, Kinder- und Jugendhilfe.