31.07.2019

Personalwechsel beim Expertenrat Seelische Gesundheit

Gudula Lühle hat den PARITÄTISCHEN Expertenrat Seelische Gesundheit seit seinen Anfängen begleitet und ihn von Frühjahr 2016 bis zu ihrem beruflich bedingten Umzug nach Berlin im Sommer 2019 moderiert. Zum Abschied hat sie uns ein paar Fragen beantwortet.

Was hat der Expertenrat Seelische Gesundheit für Ziele?

Hauptziel ist, dass Erfahrene und Angehörige psychiatriepolitische Entscheidungsprozesse begleiten, Veränderungen sowie Weiterentwicklungen anregen und dabei in eigener Sache handeln, d.h. ihre Perspektive bzw. Sicht auf die Dinge in psychiatriepolitische Entscheidungsprozesse einfließen lassen. Die Themen sind weit gespannt, immer aber geht es darum an der Verbesserung von Versorgung und Behandlung psychisch erkrankter Menschen aktiv mitzuarbeiten, gesellschaftliche Stigmatisierungen und Ausgrenzungen sowie Zwang und Gewalt gegen psychisch erkrankte Menschen zu verhindern. In seiner Haltung orientiert sich der Expertenrat an den Maximen der UN-BRK, deren Umsetzung ein zentrales Anliegen des Expertenrats ist.

Was haben Sie gemeinsam bisher erreicht?

Der Expertenrat hat den psychiatriepolitischen Diskurs in der Stadt belebt und bereichert. Die Expert*innen haben sich aktiv in verschiedene psychiatriepolitische Prozesse eingebracht und Gehör gefunden. Hier ist aber noch deutlich „Luft nach oben“!

Einige Erfolgsbeispiele möchte ich hier nennen:
Der Expertenrat hat sich sehr dafür eingesetzt, dass es in Hamburg eine EUTB gibt, die zu 100 % aus Peers besteht, und hat dazu eine erste Konzeptskizze entwickelt. (Anmerkung: Klar ist, dass es bei den EUTBs eine Vorgabe gab, ausschließlich Peers einzusetzen. Meine Erfahrung ist aber, dass das im Bundesgebiet an vielen Stellen nicht gelungen ist). Mit diesem Vorschlag, wie eine EUTB für die psychisch erkrankten Ratsuchenden aussehen sollte, traf der Expertenrat auf die Hamburgischen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (HGSP) e.V., die sich entschied, das organisatorische Dach der EUTB zu werden. Schnell vereinten sich die Vorstellungen des Expertenrats mit der Expertise der HGSP, wie eine solche Beratungsstelle mit sozialpsychiatrischem Schwerpunkt aufgebaut sein sollte. Der Expertenrat saß während des gesamten Gründungsprozesses mit am Tisch, von der Antragstellung über Gespräche bei der BASFI, Konzepterarbeitung bis hin zur Auswahl der Peers als zukünftige Beraterinnen und Berater. Es war eine Erfolgsgeschichte, und wie ich höre, läuft die EUTB sehr gut.

Ein weiterer Erfolg ist, dass der Expertenrat nach vielen Anläufen Politik und Verwaltung überzeugen konnte, dass die Hamburgische Aufsichtskommission nach PsychKG mit einem Erfahrenen in eigener Sache besetzt wird. Gerade in den Krankenhäusern und Heimen ist es den Betroffenen und Angehörigen wichtig, dass ihre Sicht auf die Dinge Berücksichtigung findet. Der Expertenrat freut sich, dass Reiner Ott mittlerweile sein Amt aufgenommen hat.

Die Sicht der psychiatrieerfahrenen Menschen und ihren Angehörigen möglichst ungefiltert an die (Fach)Öffentlichkeit zu bringen, ist auch durch die Kolumne „Aus dem Leben von...“ gelungen, die der Eppendorfer in Kooperation mit dem Expertenrat ins Leben gerufen hat. Dort erscheinen in lockeren Abständen Interviews von psychisch erkrankten Menschen aus Hamburg, die von ihrer Lebenssituation erzählen.

Was war das Bemerkenswerteste, das Sie in dem Kontext erlebt haben?

Bevor der Expertenrat gegründet wurde, war mir immer wieder aufgefallen, dass Angehörige sowie Menschen mit Psychiatrieerfahrung sehr intensiv und zeitraubend mit denselben Themen beschäftigt waren. Ich war der Auffassung, dass es doch möglich sein sollte, die Kräfte innerhalb eines gemeinsamen Gremiums zu bündeln. Dem PARITÄTISCHEN war zu der Zeit ins Auge gefallen, dass seine sozialpsychiatrischen Mitgliedsorganisationen eine andere Plattform benötigten, um ihre Themen zu bearbeiten und voranzubringen. Ich war dann sehr glücklich, als ich den Projektauftrag zur Gründung des Expertenrats erhielt und die Gründung des Gremiums so reibungslos lief. Es ist gelungen, eine tatkräftige Gruppe zusammenzubringen, die trotz teilweise unterschiedlicher Hintergründe gemeinsame politische Positionen erarbeiten konnte.
Fortan war ich sehr begeistert über die äußerst konzentrierte und motivierte Arbeitsweise der Expert*innen. Die Sitzungen fanden einmal monatlich, immer freitags zwischen 15 und 17 Uhr statt – zu einer Zeit, in der man in anderen Organisationen oftmals leere Flure vorfindet – und waren immer gut besucht. Die Diskussionen liefen geregelt ab und waren von hoher Professionalität und Kreativität. Das alles hat mich immer wieder stark beeindruckt, und ich habe oft gedacht, dass sich viele Profis aus den Fachgremien davon „eine Scheibe abschneiden“ könnten.

Was ist die größte noch offene Baustelle?

Ich persönlich habe den Eindruck, dass es noch immer Hemmnisse und zu wenig Vertrauen in das Wissen und die Fähigkeiten der „Erfahrenen in eigener Sache“ gibt. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, die Menschen zu Wort kommen zu lassen, um die es geht, und sie mit entscheiden zu lassen über das, was sie unmittelbar betrifft. Vieles wäre einfacher und Lösungen besser, wenn man Expertinnen und Experten von Anfang an mit einbeziehen würde. Wichtig ist dabei auch die Haltung und Überzeugung, mit der man das tut. Halbherziges Einbeziehen und pseudoartige Mitbestimmung sollte man lieber bleiben lassen, da sie so meiner Meinung nach über kurz oder lang an kritischen Punkten scheitern wird.

Was wünschen Sie Ihrer*Ihrem Nachfolger*in?

Zunächst möchte ich meiner Nachfolge ganz herzlich gratulieren, denn sie bekommt eine der schönsten Aufgaben, die die Sozialpsychiatrie zu bieten hat!

Ich wünsche ihr darüber hinaus, dass es ihr gelingt, sich aus Inhalten rauszuhalten, um so die Kraft des Expertenrats entfalten zu lassen. Ich wünsche ihr auch, dass sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Vertrauen und Zuversicht entgegenbringt, damit sie eine guten Rahmen haben, in dem sie ihre politischen Haltungen und Forderungen entwickeln und diese nach außen vertreten können.



Fortbildungen

Die PARITÄTISCHE Akademie Nord bietet Fortbildungen für

Pflegefachkräfte,
Erzieher/-innen,
Sozialpädagoginnen und -pädagogen,
Führungskräfte,
Personalverantwortliche,
Kita-Leitungen,
Fachkräfte der psychiatrischen Arbeit und v.m.

aus vielen Bereichen der Sozialen Arbeit, zum Beispiel der Altenhilfe, Behindertenhilfe, Hilfe für Geflüchtete, Kinder- und Jugendhilfe.