30.11.2021

Multiprofessionelle Kooperation im Ganztag: Tipps zur Metakommunikation und zum Konfliktmanagement

Jan Gloystein ist Geschäftsbereichsleitung und Referent für Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg e.V.

Der Ganztag wird an vielen Hamburger Schulen in Kooperation von Schule und Jugendhilfe gestaltet. Dabei kann es durchaus auch zu Konflikten zwischen den unterschiedlichen Professionen kommen – Erzieher:innen und Lehrpersonen verfolgen nicht immer die gleichen Ziele im Ganztag – oder auch zwischen der schulischen Perspektive auf ein Kind und die Perspektive der Jugendhilfe auf ein Kind. Jan Gloystein nimmt nach vielen Jahren Ganztagspraxis eine reflektierende Metaperspektive zur multiprofessionellen Kooperation ein und plädiert für eine gelebte Konfliktkultur.
Die Ganztagsschule bringt aufgrund ihrer großen Aufgabenvielfalt sowie der institutionellen Verschmelzung von mindestens zwei Bildungseinrichtungen – Schule und Hort – ein grundsätzlich höheres Konfliktpotential mit sich. Die Zusammenarbeit der Fachkräfte kann nicht immer reibungslos klappen. Menschen bewegen sich in eigenen Lebenswelten und bringen ganz unterschiedliche Glaubenssätze, Kompetenzen, Erfahrungen, Haltungen und Erwartungen mit, wenn sie beruflich handeln. Diese Vielfalt ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist es nützlich und inspirierend, von Menschen umgeben zu sein, die Probleme anders lösen als man selbst, die Kompetenzen vorweisen können, von denen man selbst träumt, oder die Unterstützung und Hilfe bieten können. Andererseits erleben wir diese Unterschiede bisweilen als sehr herausfordernd, weil sie mit einer stetigen und konfliktbehafteten Auseinandersetzung verbunden sein können. Wie kann ein produktives Konfliktmanagement zwischen den im Ganztag tätigen Professionen gelingen? 

Mehrdimensionale Betrachtung – Ambiguitätstoleranz als Schlüsselkompetenz

Eine Kooperation, die zeitweise nicht gelingt, weil konflikthafte Situationen den Alltag bestimmen, kann nur dann wieder erfolgreich sein, wenn die Bearbeitung von Konflikten dazu führt, dass beide Konfliktpartner:innen mit neuen und nützlichen Erkenntnissen weiterarbeiten und sich dadurch beide als Gewinner:innen begreifen können. Dazu ist es hilfreich, Probleme systemisch zu betrachten, statt linear-kausale Zusammenhänge herzustellen und sich an diesen aufzureiben. Tatsachen sind oft eine Sache der Perspektive und diese unterschiedlichen Perspektiven und Annahmen gilt es zu betrachten, einzunehmen und hinsichtlich ihrer Nützlichkeit für die betroffenen Personen und das Umfeld zu untersuchen. Dadurch werden die Herausforderungen aller und ihre verschiedenen Problemsichtweisen gewürdigt. Durch dieses Erleben kann Verständnis für widersprüchliches Verhalten und widersprüchliche Situationen erzeugt werden. Bestenfalls können Konflikte geführt werden, ohne eskalieren zu müssen.

Metakommunikation als Vehikel

Das Ziel ist die gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher, jedoch gleichberechtigter Bildungsaufträge innerhalb einer gemeinsamen pädagogischen Arbeit mit denselben Kindern einer Schule. Dabei geht es um das Verständnis, nur als gemeinsames Team die mehr-dimensionalen Aufgaben und Herausforderungen, die die Fachkräfte in Bezug auf eine möglichst günstige Entwicklung der Kinder zu bewältigen haben, erfolgreich erledigen zu können. Dieses Thema kann mittels eines regelmäßigen Dialogs, z.B. durch die Bearbeitung folgender Fragen, angestoßen werden:

  • Welche Werte halten uns als Team zusammen?
  • Welche Persönlichkeiten, fachlichen Kompetenzen und Erfahrungen kommen zusammen?
  • Welche Aufträge und Glaubenssätze berühren die gemeinsame Arbeit mit den Kindern und die Vorstellungen von guter Teamarbeit?
  • Was genau begreifen wir als Kern unserer Arbeit und welche Erwartungen sind damit verknüpft?

Mit den Gemeinsamkeiten werden auch Unterschiede klar, die ebenso betrachtet werden müssen:

  • Welche Verteilung von Mehr- und Minderheiten sind an welcher Stelle sichtbar?
  • Welche blinden Flecken gilt es zu betrachten?
  • Welche Fähigkeiten, die wir für unsere gemeinsame Arbeit als wichtig erachten, sind unter uns über- oder unterrepräsentiert?

Wir können uns auf der Suche nach den größtmöglichen Schnittmengen befinden und gleichermaßen den Anspruch haben, unseren unterschiedlichen Anteilen mit Interesse und Respekt zu begegnen. Die einzelnen Persönlichkeiten sollen sich eben nicht auflösen, bis sie in einem Einheitsbrei miteinander verschmolzen sind.

Ein solides Konfliktmanagement

Wichtig ist, Regeln und Rahmenbedingungen zu definieren, die es ermöglichen, Konflikte und Probleme zu benennen, und sich gleichermaßen bereit zu erklären, eine gemeinsame und tragfähige Lösung finden zu wollen. Dabei ist es ebenso wichtig, zu definieren, was passiert, wenn dieser Punkt nicht erreicht werden kann:

  • Wie wird vermieden, sich nur noch im Kreis zu drehen?
  • Wer ist befugt, in letzter Instanz zu entscheiden?
  • Welche Möglichkeiten haben wir, wenn wir mit einer Entscheidung nicht zufrieden sind?

Wir brauchen eine verbindliche und zuverlässige Aufmerksamkeit für das Thema Konflikte sowie eine koordinierte Verantwortung und Steuerung dieses Themenfeldes. Eine Orientierung zur Klärung von Konflikten, zu der sich alle Teammitglieder bekennen und zwar nicht ab heute bis in alle Ewigkeit, sondern so lange, bis sie merken, dass dieses an einer bestimmten Stelle überarbeitet werden muss. Konfliktmanagement sollte funktionieren, wie gute Konzeptarbeit funktioniert: Der Leitfaden gilt solange, bis er evaluiert und überarbeitet wird, sodass die dann neuen Regeln ab diesem Zeitpunkt greifen können.

Das ist anstrengend – aber nicht zu vermeiden, da wir ansonsten Gefahr laufen, Diskriminierungen, Machtmissbrauch und parteiisches Verhalten zu fördern. In unserer professionellen pädagogischen Arbeit mit Kindern sind wir ihnen gegenüber jedoch verpflichtet, uns vorbildhaft zu ihrem Wohl zu verhalten. Konfliktbewältigung kann daher nicht willkürlichen Prinzipien unterlegen sein.
Reflexion, Beobachtung, Empathie und Kreativität im Umgang mit Herausforderungen gelten als Grundqualifikationen einer jeden pädagogischen Fachkraft.

Es ist hilfreich, sich nicht zu beharrlich an ein (das eigene) Lösungsmodell zu klammern, sondern sich ergebnisoffen zu zeigen und sich einen Spielraum an Flexibilität zu bewahren. Was für die einzelne Fachkraft oder den Träger funktioniert, kann für Kolleg*innen und den Kooperationspartner eben genau nicht funktionieren oder das Problem verstärken. Ein kreativer Umgang mit Lösungen ist erforderlich und das bedeutet, sich zeitlich befristet auf unterschiedliche Lösungsmodelle einlassen zu müssen. So wie die Fachkräfte die Entwicklung der Kinder beobachten,  ist ebenso wichtig, das eigene Konfliktverhalten und den Erfolg von Lösungsansätzen zu beobachten und zu analysieren.
Es bedarf dafür auch struktureller Voraussetzungen, Zeiten und Settings einzuplanen, um Beobachtungen gemeinsam im Team zu reflektieren und das eigene Handeln danach ausrichten zu können.

Multiprofessionelle Kooperation ist Mannschaftssport

Zu guter Letzt ist Vertrauen die Basis für einen möglichst konstruktiv-kritischen Umgang innerhalb des Teams. Pädagogisches Arbeiten im Rahmen multiprofessioneller Kooperationen ist Mannschafts- und kein Einzelsport! In diesem Sinne: Tun Sie etwas für die Mannschaft, haben Sie regelmäßig gute Momente miteinander, versüßen Sie sich den Alltag, erleben Sie gemeinsame Herausforderungen und vergessen Sie nicht, möglichst viel miteinander zu lachen. Seien Sie mutig, Konflikte zu bearbeiten, der Spaß muss dabei nicht verloren gehen.

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Hamburg macht Schule (Dezember 2021) erschienen.


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