30.09.2019

Gespräch mit unseren Expertinnen über den Film Systemsprenger

Vor kurzem ist der mehrfach preisgekrönte Film Systemsprenger in den Kinos gestartet. Wir sprachen mit den Hamburger Expertinnen Maren Peters und Georgia Leonidakis von unserer Koordinierungsstelle Individuelle Hilfen über den Film.

Wie realistisch ist Bennys Geschichte?
Maren Peters: Auch wenn Bennys Verhalten eher einer Zwölfjährigen zuzuschreiben wäre, ist ihre Geschichte Maren Peterssehr realistisch. Für mich war es, als ob ich einen Ausschnitt aus meiner Arbeit gesehen hätte. An einem solchen Punkt, an dem die Kolleg*innen von Jugendamt, Wohngruppe und Psychiatrie eigentlich  nicht mehr weiter wissen, wendet sich das Jugendamt an uns.

Georgia Leonidakis: Der Film erzählt die Geschichte vieler Kinder, mit denen wir es zu tun haben. Benny hat eine massive Bindungsstörung, sobald jemand Nähe zu ihr aufbaut, muss sie diese fast zwanghaft zerstören.
Peters: Diese Kinder können die Bindungsangebote nicht richtig annehmen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Bindungen zerstört werden. Benny hat in ihrer Biografie  willkürliches Verhalten von Erwachsenen  bzw. ihrer Mutter erlebt. Erst Nähe, dann Ablehnung und das im Wechsel. Das löst Ohnmacht aus. Und um diese Ohnmacht nicht zu erleben, übernimmt das Kind die Regie. Mit Gewalt. Damit bestätigt sie aber auch ihre Erfahrungen, dass Beziehungen nicht dauerhaft sind. Ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis.

Was sind „Systemsprenger“?

Peters: Das Wort Systemsprenger beschreibt eine Dynamik zwischen Kind und Helfersystem, etwas das in deren Interaktion stattfindet.  Das Helfersystem kann niemals das familiäre System ersetzen, auch deshalb kämpft ein Systemsprenger gegen das Helfersystem an, weil es nicht dieses will sondern seine Eltern.

Wie viele solcher Kinder gibt es in Hamburg?
Peters: Das kann ich nicht sagen. Wir begleiten ca. 20 Fälle im Jahr, doch es gibt deutlich mehr und die Tendenz steigt.

Was sind die Gründe für ein solches Verhalten?
Peters: Alle Kinder, die wir als Systemsprenger bezeichnen, haben unsagbares Leid erlebt, und das auch noch in einem Alter, in dem sie kaum über Sprache und Verarbeitungsmöglichkeiten verfügen. Das sind frühkindliche traumatische Ereignisse, die besonders schlimm sind, wenn sie von den Eltern verursacht werden. Inkonsistente Erziehung, ein schneller Wechsel von Ablehnung und Liebe, unzuverlässige Erwachsene sind weitere Stichworte.

Leonidakis: Und das Erleben von Gewalt. Zum einen am eigenen Körper. Aber auch Gewalt, die anderen zugefügt wird und die sie „nur“ beobachten, erleben Kinder, als würde sie ihnen selbst zugefügt. Aufgrund der Spiegelneuronen kann ein Kind nicht zwischen Gewalt unterscheiden, die es erlebt oder bei der es „nur“ Zeuge ist.  Beides ist hoch traumatisierend.

Peters: Und auch wenn die Eltern ihnen solches Leid angetan haben: diese Kinder lieben ihre Eltern, machen sich vielfach Sorgen um sie, wollen sich kümmern, ihnen nah sein. Ein Kind hat genetisch ja auch keine Wahl: Wir kommen als Mangelwesen auf die Welt, ohne Erwachsene sind wir nicht lebensfähig, wir müssen unsere Eltern lieben. Wenn die Eltern ihre Kinder misshandeln, so ist das das Traumatischste überhaupt. Das bringt die Kinder in einen abgrundtiefen inneren Konflikt, den sie nur schwer aushalten und der ihr Verhalten bestimmt.

Wie realistisch wird im Film die Jugendhilfe dargestellt?
Leonidakis: Das ganze Handeln aller Protagonisten wird sehr vielschichtig dargestellt, es gibt keine Schuldzuweisungen und es wird deutlich, dass es keine einfache Lösung gibt. So wie im realen Leben eben. Sowohl die Personen als auch das System geben sich unheimlich viel Mühe, dem Kind zu helfen, und sind sehr engagiert, teilweise über die eigenen Grenzen hinaus.  Aber die Sehnsucht nach der Mutter kann niemand lösen.

Peters: Die Helfer sind oft erleichtert, dass dem Kind kurzzeitig geholfen werden kann bzw. Benny untergebracht ist, ohne dass sie  genau wissen, wie es weiter gehen soll. So werden Bindungen aufgebaut und Hoffnungen geweckt, die dann doch enttäuscht werden. Wir als Experten für Systemsprenger hätten an ein paar Stellen etwas anders gehandelt. Zum Beispiel bei der Anfangs-Szene, als Benny die Bobbycars um sich wirft, da ist sie ganz alleine, weil alle Erzieher zu den anderen gehen, um diese und auch sich selbst zu schützen. Aber warum ist dieses Mädchen alleine? Auch wenn man in dem Moment nicht an sie ran kommt: Ich hätte mich irgendwo in den Hof gestellt um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine ist.

Leonidakis: Ihr wird sehr oft gesagt: Wenn du dich änderst, darfst du zu Mama. Damit wird ihr die Verantwortung gegeben, obwohl die Verantwortung woanders liegt. Aber Benny kann sich nicht verändern, sie hat das Verhalten aufgrund ihrer Lebensgeschichte erlernt. An keiner Stelle wird ihr gesagt: Ja, du hast Recht wütend zu sein! Ja, ich verstehe dich!

Peters: Mir wird im Film insgesamt zu viel über das Kind gesprochen und zu wenig mit den Kind. Es darf sich so fühlen, wie es sich fühlt. Das Verhalten ist ja Lebensstrategie, sie kämpft um ihr psychisches und physisches Überleben. Sie bekämpft ihre Ohnmacht, das traumatische Ausgeliefert sein, damit, selbst Macht über eine Situation zu haben. Wenn der Mensch, von dem ich als Kleinkind abhängig bin, mir Gewalt antut, erlebe ich Todesängste. Da ist es fast schon logisch, dass ich später die Kontrolle behalten will. Und dass ich anderen das antue, was mir angetan worden ist. Sie kann Gleichaltrige und sogar Erwachsene mit ihrer Gewalt und Aggressivität kontrollieren.

Was ist eure Erfahrung nach fünf Jahren Koordinierungsstelle mit über 100 solcher Jugendlichen?
Peters: Solche Kinder haben viel Willkür und Ohnmacht erlebt. Wenn ein Helfersystem nicht gut abgestimmt arbeitet und dadurch dem Kind und der Familie unterschiedliche Botschaften sendet, oder das Kind von Einrichtung und Einrichtung durchgereicht wird, dann erlebt es wieder Willkür und Ohnmacht. D.h. das System wiederholt das, was das Kind in seinem Herkunftssystem erlebt hat.
Wir glauben im Helfersystem leider viel zu oft, dass es noch bessere Angebote geben könnte, andere Behandlung, bessere Betreuer*innen. Dadurch wird so ein Kind schnell durch viele Einrichtungen und Stationen weitergereicht. Aber das ist eine Illusion. Um wirklich zu helfen, brauchen solche Kinder oft eine 1 zu 1 Betreuung, eine vorsichtige Integration in Gruppen und ein bedingungsloses Beziehungsangebot ohne Forderungen. Und die Pädagog*innen auch enge Begleitung und Supervision. Das dauert viel länger, als wir Pädagogen uns das wünschen, das muss man aushalten. Wir können mit diesen Kindern auch nur überfordert sein, denn diese Kinder wollen nicht uns, sondern die Liebe von stabilen gesunden Eltern, und die gibt es nicht. Deshalb dürfen wir ihnen auch keine Versprechungen machen, die man nicht halten kann. Lieber da sein und die Enttäuschung und den Schmerz ertragen. Doch das ist schwer, für alle Beteiligten.

Leonidakis: Wichtig ist auch, und das kam in dem Film zu kurz, auf die Ressourcen des Kindes und des Umfeldes zu schauen. Was ist vorhanden, das gut funktioniert? In welchen Situationen fühlt sich das Kind offensichtlich wohl? Bei Benny ist das ihre Tierliebe, hier wäre ein guter Anknüpfungspunkt. Auch die Familie hat eine Ressource, trotz ihrer Probleme: Mutter und Kinder lieben sich.

Peters: Wir denken viel zu sehr in „entweder oder“. Entweder Wohngruppe oder Elternhaus. Wir denken zu wenig in „sowohl als auch“.  Wir haben z.B. einen Fall, da lebt ein Mädchen bei ihrer Familie, wo es immer wieder sehr kracht und nicht funktioniert. Dieses Mädchen hat in einer Wohngruppe ein Zimmer, ein Bett, wo sie jederzeit hinkann, aber nicht muss. So hat sie die Entscheidungsmacht, sie erlebt keinen Zwang, man nimmt ihr nichts weg sondern gibt Hilfreiches dazu. So lebt sie einigermaßen stabil. Die Frage muss immer lauten: Wie muss eine Hilfe aussehen, damit das Kind so wenig wie möglich dagegen kämpft?






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