Aktuelles

Sozialmonitoring für das Jahr 2021

Der Michel spiegelt sich gebrochen in Fenster

Jedes Jahr gibt die Stadtentwicklungsbehörde ein Sozialmonitoring heraus. Darin werden aktuell kleinräumig Daten für 853 Gebiete in Hamburg ausgewertet und einem hohen, mittleren, niedrigen und sehr niedrigen sozialen Status zugeordnet sowie einer negativen bis positiven Dynamik im Verlauf von drei Jahren zugeordnet. Der Bericht erscheint in der Regel Ende eines Jahres und analysiert das vorausgegangene Jahr. Der Bericht 2022 bezieht sich also auf das Jahr 2021. Einbezogen werden Daten zum Anteil von „Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“, „Kindern von Alleinerziehenden“, „SGB II-Empfänger/-innen“, „AsylbLG-Empfänger/-innen“, „Arbeitslosen“, „Kinder in Mindestsicherung“, „Mindestsicherung im Alter“ und „Schulabschlüssen“ (S. 8-9).  

Laut dem Sozialmonitoring 2022 zeigen zwei Werte deutliche Anstiege: „Der Anteil der Empfänger/-innen von Mindestsicherung im Alter erhöhte sich stetig von 6,5 % auf 9,5 % und der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund vergrößerte sich von 41,5 % auf 51,0 %. Alle anderen Indikatoren sind seit 2012 rückläufig.“ Und weiter heißt es: „Der Rückgang der Werte bei den meisten untersuchten Indikatoren im Zeitraum von 2012 bis 2022 zeigt hingegen trotz dieser herausfordernden Ereignisse die mehrheitlich positiven Tendenzen sozialer Entwicklungen in Hamburg.“ Das gilt danach auch für Auswirkungen der Pandemie, die sich tatsächlich in den Daten „nur“ einmalig im Anstieg der Arbeitslosen in 2021 niederschlugen.  

Im Vergleich von 2012 bis 2022 fällt aber auf, dass es eine hohe Durchlässigkeit zwischen dem mittleren Status und dem hohen Status gibt: „Langfristig ergibt sich also eine höhere Durchlässigkeit zwischen Status mittel und hoch als zwischen Status mittel und niedrig.“ Faktisch bestätigt dies andere Studien, die belegen, dass Menschen in prekären Armutssituationen keinen oder nur sehr selten einen sozialen Aufstieg erleben. Dagegen findet sozialer Aufstieg deutlich häufiger in Gebieten mit mittleren Sozialstatus statt. Aus der Armutsfalle herauszukommen ist also deutlich schwerer. Im Zehn-Jahresvergleich zeigt sich, dass es faktisch keine nennenswerten größeren Verschiebungen gegeben hat: Der relative Anteil an Gebieten mit hohem, mittlerem, niedrigem und sehr niedrigem sozialem Status ist stabil (S. 13). Aus Sicht der Stadtentwicklungsbehörde ist das positiv: „Langfristig ist für Hamburg eine hohe sozialräumliche Stabilität und keine Zunahme sozialräumlicher Polarisierung feststellbar.“ (S. 15).  

Angesichts des Zehn-Jahres-Vergleichs lassen sich allerdings auch kritischere Schlüsse ziehen: Ist es wirklich positiv, wenn Menschen mit niedrigem sozialem Status kein sozialer Aufstieg gelingt, sich also faktisch die Verteilung zwischen hoch/mittel/niedrig in Hamburg in zehn Jahren nicht groß verändert hat? Vergleicht man die Zahlen von 2012 mit denen aus 2022, so zeigt sich eine minimale prozentuale Verschiebung zugunsten der Gebiete mit mittleren sozialen Status. Interessanter ist dagegen, dass jetzt 87,6 % aller Gebiete eine stabile Dynamik aufweisen, während es 2012 insgesamt 78,2 % waren, was für die Stabilitätsthese der Behörde spricht. Gleichzeitig sank der prozentuale Anteil der Gebiete mit negativer Dynamik von 10,2 auf 6,3 % ab (31 auf 20 Gebiete). Dasselbe gilt für den Anteil der Gebiete mit einer positiven Dynamik (11,6 % auf 6,1 %).

Das Fazit kann – je nach Sichtweise und Ausgangspunkt – anders lauten. Während die Stadtentwicklungsbehörde die Stabilität betont, würde ich eher den mangelnden sozialen Aufstieg betonen, denn Ziel von Stadtentwicklung sollte es sein, dass es Menschen besser geht. So oder so lohnt sich jedes Jahr aufs Neue ein Blick in das Sozialmonitoring, auch und gerade für die soziale Arbeit, die daraus Rückschlüsse auf das eigene Handeln vor Ort ableiten könnte.

Frank Omland, Öffentlichkeitsarbeit KISS Hamburg