Kindertagespflege Hamburg im Sinkflug

„Im pädagogischen Elementarbereich hat sich die Kindertagespflege in den letzten Jahren zu einer der tragenden Säulen der Kinderbetreuung entwickelt. Allein in den Jahren zwischen 2006 und 2020 hat sich die Anzahl der betreuten Kinder in diesem Sektor nahezu verdreifacht (Statistisches Bundesamt, 2021).

Seit 2013 gilt für Kinder ab einem Jahr ein Anspruch auf Förderung in einer Tageseinrichtung oder eben in der Kindertagespflege, rechtlich verankert im § 24, Abs. 1 bis 3 SGB VIII. Als Angebot der Kinder- und Jugendhilfe ist Kindertagespflege also inzwischen zunehmend etabliert und wird als Betreuungsform der Tagesbetreuung gleichwertig gestellt (BMFSFJ, o.J.).“

Gilt das auch für Hamburg?

Im Vergleich zu 2020 ist im Folgejahr 2021 ein Rückgang um 4,3% zu verzeichnen. Es liegt nahe, diesen Rückgang mit der Pandemiesituation in Verbindung zu bringen. Lesen wir allerdings dazu im Blog von Anja Radloff, Tagesmutter in Hamburg: „Zwanzig Prozent weniger Kinder in der Kindertagespflege in Hamburg seit 2016! Wer wissen will, wie das Aussterben einer Kinderbetreuungsform funktioniert, muss nur nach Hamburg schielen. Über 85000 Kinder werden in Hamburg in der Kindertagesbetreuung betreut. Etwas über 2900 davon in der Kindertagespflege. Die letzten Jahre bilden einen steten Sinkflug ab.“

Trotz der Teilnahme am Bundesprogramm ProKindertagespflege bis Ende 2021 (unter Beteiligung des Vereins Hamburger Tagesmütter und -väter e.V., des PARITÄTISCHEN sowie des SPFZ /der Sozialbehörde Hamburg) sind hier immer noch nicht umgesetzt:

  • die Zahlungswege konform mit dem Bundesgesetz zu formieren
  • die Vertretungsfrage entsprechend dem Bundesgesetz zu klären, trotz ausgearbeiteter Modelle im Rahmen des Bundesprogrammes ProKindertagespflege
  • die Vergütung entsprechend der Qualifikationen anzupassen sowie eine monetäre Anerkennung der Tätigkeitsjahre zu gewähren.

Corona hat die Situation verschärft. In Hamburg haben hunderte an Kolleg*innen aufgegeben. Teils bedingt durch die Sorge um die eigene Gesundheit, viele aber wegen der wegbrechenden Nachfrage.
Eltern geben ihre Kinder später oder erst mit drei Jahren in die Betreuung – viele sind im Jahr der ersten Lockdowns weggezogen, andere haben ihre Kinder doch früher in die Kita gegeben als geplant/ sobald ein Platz frei war – um sich dort vermeintlich verlässlichere Betreuung als in der Tagespflege zu ermöglichen. So blieben plötzlich Plätze frei oder konnten nicht nachbesetzt werden und bisher gut gefüllte Wartelisten schrumpften ein – die angemieteten Räume mussten aber weiter voll bezahlt werden.

Nun kommen weitere Herausforderungen dazu: Die bereits gestiegenen Lebensmittelkosten, die Energiekosten, die gefühlt noch ins Unermessliche steigen werden. Wie soll das finanziell aufgefangen werden können?
Die gestiegenen Kosten machen es noch schwerer, Belegungslücken zu überbrücken. Die Mietkostenzuschüsse sind seit Jahren nicht neu gedacht worden. Die Mieten sind massiv gestiegen. Bezahlbare externe Räume zu finden, ist ungleich schwerer geworden.
Wie in allen pädagogischen Bereichen steht hier eine weitere Reduzierung, ein weiteres Wegbrechen der Tagespflegepersonen zu befürchten!

Gibt es Perspektiven?

Und ein Blick über den Hamburger Tellerrand nach Bayern lässt einen ganz die Fassung verlieren:
Die bayrische Sozialministerin hat es nun sehr deutlich verlautbart:

  • „Ein Ausbau (der Kindertagespflege, KTP, Anmerkung der Red.) ist nicht zielführend, wenn dies zu einer Konkurrenzsituation bestehender Betreuungsformen führt.“
  • „KTP ist dann gefragt, wenn und soweit Kindertageseinrichtungen nicht in der Lage sind, Betreuungsbedarf angemessen zu decken.“
  • „Nicht zu unterschätzen ist auch die Sorge von Eltern, das Kind könnte eine engere Bindung mit der TPP (Tagespflegeperson) aufbauen.“
  • „Für eine stärkere Professionalisierung der KTP wird kein Raum neben den herkömmlichen Ausbildungsgängen im Bereich der Kinderbetreuung gesehen.“

Quelle: https://www.br.de/nachrichten/bayern/kinderbetreuung-tagesmuetter-nicht-erwuenscht,T6NllYI

Dazu schreibt Antje Radloff:
„In Hamburg ist nicht alles schlecht. Unsere Fortbildungen sind ein Beispiel dafür. Wir können auf ein sehr großes Angebot zurückgreifen und das auch noch kostenlos. Somit könnte man meinen, man will uns gar nicht klein halten. Leider ist es dennoch so. Unser Alltag und alles drumherum zeigt uns immer wieder: Wir sind nicht wirklich erwünscht.
Dabei sollte sich die Fachbehörde mal mit unserer Elternschaft unterhalten. Z.T. enttäuscht von den Kitas unserer Stadt, entsetzt über die Zustände dort, sind wir quasi überredet worden, unser Konzept zu ändern und künftig auch ältere Kinder zu betreuen. Wir haben den Schritt vollzogen, alle sind geblieben und bleiben auch künftig. Sieht so eine Betreuungsform aus, die angeblich keine Qualität hat? Eltern entscheiden sich bewusst gegen die vermeintliche „bessere“ Kita für die „schlechtere“ KTP?!

Wir sind:

  • klein
  • familiär
  • bindungsorientiert
  • Kind orientiert
  • ohne Schichtdienste
  • mit viel Zeit versehen!

So geht Kindertagespflege, wenn sie Rückhalt erfährt. Wir haben diesen Rückhalt. Nicht durch die Stadt. … Nein, durch unsere Familien und das ist das Wichtigste überhaupt! Und eines wünschen sich alle Eltern: Eine enge Bindung ihrer Kinder zu uns. Das ist kein Manko, es ist ein großes Plus. Nur, wer sich sicher gebunden fühlt, kann lernen und sich bilden. Das erste, was man lernt, wenn man mit Kindern arbeiten möchte. Ohne Bindung keine Bildung! … So müssen die Orte, die die Kinder besuchen, verlässlich sein. Verlässlichkeit ist in Kitas, Kindertagespflege und auch Schulen ein wichtiges Wort.“

Doch eine nachhaltige Stärkung blieb aus. Eine Tätigkeit attraktiv zu machen, hängt vor allem von den Konditionen ab. Die Konditionen sind teils ganz gut, doch zwei elementare Dinge fehlen weiterhin:
Eine wirklich wertschätzende Vergütung und ein verlässliches Vertretungssystem. Der größte Anteil der Tagespflegepersonen arbeitet in Großtagespflegestellen. Gebraucht werden also Springer, die verlässlich vergütet werden.

Vor einigen Jahren bereits hat Frau Radloff das Thema in den Eingabeausschuss der Hamburger Bürgerschaft gebracht. Sie bekam Recht. Für die Stadt gab es Auflagen.
In der Laufzeit des Bundesprogramms ProKindertagespflege haben die Projektpartner, insbesondere die Koordinierungsstelle beim PARITÄTISCHEN, sich intensiv damit beschäftigt und eine Vorlage zur Einmündung in die Überarbeitung der Verordnung vorgelegt. Allein bis heute ist nichts davon umgesetzt.