GBS-Initiative Wir gehen aufs Ganze

Verlängerte Schulzeiten allein wirken sich nicht positiv für Kinder und Jugendliche aus. Der Ganztag muss auch inhaltlich qualitativ gut aufgestellt sein. Das Hamburger GBS-System nimmt mit seiner eng begrenzten Ausstattung darauf allerdings bisher nur wenig Rücksicht. Zu oft steht neben dem schulischen Vormittag ein inhaltlich unverbundener Nachmittag, der durch eine reine Kurs-Pädagogik dominiert ist. Gleichzeitig leiden alle Kinder und Pädagogen unter der engen Taktung von Unterricht, Mittagessen, Hausaufgaben und Angeboten.

Das will der PARITÄTISCHE Hamburg mit seiner Initiative „Wir gehen aufs GANZE!“ ändern. Zentraler Schlüssel der Initiative ist mehr gemeinsame Zeit. Damit die beiden Professionen – Lehrer und Erzieher – an einem Strang ziehen und den Ganztag aus einem Guss gestalten können, arbeiten die Pädagogen des Vor- und des Nachmittags in der letzten Schulstunde zusammen. So finden die Angebote der Schulen und ihrer Kooperationspartner aus der Jugendhilfe nicht mehr nur nacheinander statt, sondern verschmelzen zu gemeinsamer Bildung. An sechs Hamburger Grundschulen gibt es seit dem Schuljahr 2014/15 in allen Klassen die gemeinsame Stunde aus Lehrern und Erziehern. Diese Tandems sind das unmittelbare Bindeglied zwischen Vor- und Nachmittag mit großem pädagogischem Potenzial.

DIE AUSWIRKUNGEN

Die Effekte der gemeinsamen Stunde zeigten sich schnell:

  • Die Übergabe der Kinder vor dem Mittagessen ist nicht mehr so hektisch und turbulent, da sich nun nicht mehr LehrerIn und ErzieherIn quasi die Klinke in die Hand geben.
  • Die Kinder sind dadurch viel entspannter und ausgeglichener, und sie erleben den Wechsel von Vormittag zu Nachmittag nicht mehr als Stress.
  • Die Kinder haben in der letzten Schulstunde zwei AnsprechpartnerInnen und erhalten somit mehr Aufmerksamkeit.
  • Die Kinder müssen nicht zweimal erklären, welche Sorgen oder Nöte sie haben, und erleben mehr Sicherheit, da LehrerIn und ErzieherIn nun regelmäßig auf dem gleichen Wissensstand sind, was Regeln, Vorkommnisse, Absprachen angeht.
  • Die Kinder erleben einen Schultag aus einem Guss. Sie erfahren den Lebensraum Schule, an dem sie bis zu acht Stunden täglich verbringen, nun als eine Einheit, die zusammengehört.
  • Auch die Eltern bemerken unmittelbar die positiven Effekte auf ihre Kinder, „Die Kinder sind in diesem Schuljahr viel ausgeglichener und zufriedener, wenn sie nach Hause kommen“, so Tobias Joneit, Vorsitzender des Elternrats an der Grundschule Traberweg.
  • Die Kommunikation zwischen LehrerInnen und ErzieherInnen über die Kinder ist deutlich verbessert.
  • Der Kontakt zwischen LehrerInnen und ErzieherInnen findet nun auf Augenhöhe statt, es gibt wesentlich mehr Wertschätzung für die andere Profession. Das schafft im ganzen Haus eine lockerere Atmosphäre, was auch die Kinder spüren.
  • Es entstehen eine Vielzahl von gemeinsamen Projekten, wie zum Beispiel gemeinsame Schulhofgestaltungen, Weltraumprojekt, vor- und nachmittagsübergreifende Theaterprojekte, Fahrradprojekte.
  • Inhalte des Vormittags werden im Nachmittag besser weiterbearbeitet. So nimmt beispielsweise ein „Buch-Projekt“ am Nachmittag (Papier schöpfen, eigenes Buch binden, Texte / Geschichten aufschreiben) die neu erworbenen Kompetenzen des Vormittags ideal auf.
  • Es gibt insgesamt mehr Zusammenarbeit, gemeinsame Konferenzen und fachlichen Austausch zwischen Vor- und Nachmittag.
  • Die so veränderte Atmosphäre und neue Tagesstruktur wirkt sich spürbar positiv auf die Leistungen der Kinder aus. So berichtet Frau Bartels (Jugendhilfe-Leitung in Neuenfelde): „Wir haben im Leitungsteam feststellen können, dass sich die Leistungen einzelner Kinder deutlich verbessert haben und das Interesse am Unterricht insgesamt gestiegen ist. Das führen wir auf die intensivierte Zusammenarbeit – nicht zuletzt auch bei den Hausaufgaben – zurück.“
  • Die Frage nach einer Modifizierung von Hausaufgaben kann nun aus der Sicht des Ganztages gedacht werden. Das führte in zwei Fällen zu Trainingszeiten bzw. neuen Lernzeiten, die beide den Kindern viel mehr Gestaltungs- und Wahlfreiheit bieten, für mehr Motivation und damit für besseren Lernerfolg führen. An der Grundschule Lohkampstraße gibt es nun montags und mittwochs Mathetrainingszeiten, dienstags und donnerstags Deutschtrainingszeiten. Hier können die Kinder jeweils selbständig auswählen, welche altersgerechten spielerischen Materialien sie verwenden, um Mathe bzw. Deutsch zu üben. Sie müssen nicht alleine über Arbeitsblättern brüten, sondern können sich gemeinsam mit Freunden oder Klassenkameraden den Herausforderungen stellen. Das fördert nicht nur messbare Deutsch- und Mathekenntnisse sondern auch soziale Kompetenzen. Das merkt auch Christine Nordbruch, Klassenlehrerin der 3b an der Lohkampstraße: „Es gibt deutlich weniger Streitereien, und Kinder, die vorher im Unterricht mehr alleine waren, sind nun integrierter.“ (ein kleiner Film gibt Einblick in die Trainingszeiten). An der Grundschule Traberweg können die Kinder der Klassen eins bis drei frei wählen, wie sie die Zeit nach dem Mittagessen verbringen, ob sie sich beispielsweise mit Freunden treffen, toben, ausruhen, lesen oder Schule spielen. Die Bildung kommt dabei nicht zu kurz. Die Kinder lernen zum Beispiel im Rollenspiel Regeln auszuhandeln, andere Rollen und Sichtweisen einzunehmen oder eigene Erlebnisse zu verarbeiten. Im Kreativraum geht es um Konzentration, Fingerfertigkeit und Mathematik. „Wir fördern so nicht nur schulische sondern auch emotionale, soziale und motorische Kompetenzen. Das ist ein enormer Gewinn für die Kinder“, ist Schulleiter Jörg Behnken überzeugt. (ein kleiner Einblick in die neuen Lernzeiten)
  • Die Erzieher erhalten durch das Konzept der gemeinsamen Stunde attraktivere Arbeitsverträge, was die Tendenz zur Fluktuation und der damit verbundenen personellen Diskontinuität verringert. Das ermöglicht allen Seiten ein besseres und zufriedeneres Arbeiten.


Mit der gemeinsamen Stunde und den daraus resultierenden positiven Veränderungen erfüllen diese sechs Grundschulen sehr viele der Empfehlungen des Deutschen Vereins zu Fragen der Qualität in Kindertageseinrichtungen und sind damit Vorreiter einer guten Ganztagsbetreuung in Hamburg.

Die positiven Effekte haben wir auch in einem kleinen Flyer zusammengefasst. Diese Erfolge jönnte es flächendeckend für alle Grundschulen geben: für nur einen Euro pro Kind und Schultag.

Weitere Informationen finden Sie unter www.wir-gehen-aufs-ganze.de